Prozess wegen angeblicher sexueller Belästigung:Freispruch für Kevin Spacey

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Anthony Rapp hatte den Hollywood-Star auf 40 Millionen Dollar Schmerzensgeld verklagt, sich aber in Widersprüche verstrickt und damit Zweifel bei den Geschworenen geweckt. In den USA ist nun kein weiteres Verfahren mehr gegen den Schauspieler anhängig - in Großbritannien jedoch schon.

Von Christian Zaschke

Kevin Spacey stand auf, er hatte Tränen in den Augen, er umarmte seine Anwälte. Soeben hatte ihn eine elfköpfige Jury in einem New Yorker Gericht vom Vorwurf der sexuellen Belästigung und der Körperverletzung freigesprochen. Der Schauspieler Anthony Rapp hatte Spacey beschuldigt, ihn 1986 in dessen New Yorker Apartment belästigt zu haben. Rapp war damals 14 Jahre alt, Spacey 26. Die Jury brauchte am Donnerstag lediglich gut 60 Minuten, um zu ihrem Urteil zu kommen. Dass es am Ende der zwei Prozesswochen derart schnell ging, mag auch daran gelegen haben, dass Rapps Aussagen im Zeugenstand einige Ungereimtheiten aufwiesen.

Mehr als ein Dutzend Männer haben in den vergangenen Jahren angegeben, von Spacey sexuell belästigt worden zu sein. Das Verfahren in New York war der erste Prozess gegen ihn, der vor einer Jury verhandelt wurde. Ein Fall, der in Kalifornien anhängig war, wurde eingestellt, weil der Kläger starb. Ein Fall in Massachusetts wurde abgewiesen, weil der Kläger nicht mehr aussagen wollte, nachdem das Gericht ihn darauf hingewiesen hatte, dass er sich durch das Löschen von Textnachrichten auf seinem Telefon strafbar gemacht haben könnte. Spaceys Anwälte hatten argumentiert, die Nachrichten zeigten, dass keine Belästigung vorlag, sondern es zu einvernehmlichen Berührungen in einer Bar gekommen sei.

Das nächste Verfahren soll 2023 in London beginnen

Nach dem New Yorker Freispruch liegen in den USA derzeit keine weiteren Verfahren gegen Spacey an. Er wird sich allerdings im kommenden Jahr in Großbritannien weiteren Missbrauchs-Anschuldigungen stellen müssen. Das Verfahren soll im Sommer 2023 in London beginnen. Dort war Spacey von 2003 bis 2015 künstlerischer Direktor am renommierten Theater Old Vic.

Anthony Rapp hatte seine Vorwürfe gegen Spacey erstmals 2017 in einem Interview mit Buzzfeed News erhoben. Es war der Höhepunkt der #MeToo-Bewegung, während der auch viele Schauspielerinnen und Schauspieler von einem System der Belästigung in ihrer Branche berichteten. Spacey hatte damals auf Twitter mitgeteilt, er habe keine Erinnerung an den Vorfall, doch wenn etwas Derartiges geschehen sei, schulde er Rapp eine aufrichtige Entschuldigung.

Im Zeugenstand in New York führte er nun aus, seine Berater hätten ihn damals dazu gedrängt, die Vorwürfe nicht einfach abzustreiten, sondern sich verständnisvoll zu zeigen. Die Stimmung in den Medien, in der Öffentlichkeit und in der Branche sei aufgeheizt gewesen. Vor Gericht sagte Spacey jetzt, dass er eines gelernt habe: "Entschuldige dich nie für etwas, das du nicht getan hast."

Rapp hatte auf 40 Millionen Dollar Schmerzensgeld geklagt. Er sagte aus, dass er 1986 bei einer Party im Apartment von Spacey in Manhattan zu Gast gewesen sei. Er habe sich ins Schlafzimmer gesetzt und Fernsehen geschaut. Nach einer Weile sei Spacey erschienen, offenbar angetrunken, mit glasigen Augen. Spacey habe ihn hochgehoben, wie man eine Braut hochhebe, um sie über die Schwelle des neuen Heims zu tragen, und ihn aufs Bett gelegt. Anschließend habe er sich halb neben und halb auf ihn gelegt und seine Körpermitte gegen seine Hüfte gedrückt.

Die Anklage fand keine Zeugen für die Party

Spaceys Anwältin Jennifer Keller sagte: "Diese Geschichte funktioniert nur, wenn man eine Wand und eine Tür erfindet." Sie legte dem Gericht einen Grundriss von Spaceys damaliger Wohnung vor. Demnach handelte es sich um ein Studio-Apartment, in dem es kein separates Schlafzimmer gab. Zudem konnte die Anklage keine Zeugen berufen, die bestätigten, dass es eine Party bei Spacey gab, auf der Rapp zu Gast war.

Anwältin Keller wartete mit einem weiteren Detail auf. Rapp spielte seinerzeit in einem Theaterstück namens "Precious Sons" am Broadway. In dem Stück hebt ein betrunkener Mann, gespielt von Ed Harris, seinen Sohn, gespielt von Rapp, so hoch, wie man eine Braut hochhebt, da er ihn mit seiner Frau verwechselt. Anschließend legt er ihn aufs Bett und platziert sich in einer Weise auf und neben ihn, die ziemlich genau Rapps Anschuldigung gegen Spacey entspricht. Keller schloss daraus, dass Rapp sich die Geschichte ausgedacht habe. Dieser bestritt im Zeugenstand, dass seine Rolle in dem Stück etwas mit der vermeintlichen Begebenheit mit Spacey zu tun hatte.

Als Rapp und andere Männer 2017 ihre Vorwürfe gegen Spacey erhoben, endete dessen Karriere in Hollywood abrupt. Er verlor seine Rolle in der eminent erfolgreichen Netflix-Serie House of Cards. Der Regisseur Ridley Scott ging sogar so weit, Spacey aus dem bereits fertig gedrehten Film Alles Geld der Welt komplett herauszuschneiden. Sämtliche Szenen mit Spacey wurden im November 2017 innerhalb von acht Tagen mit Christopher Plummer neu gedreht. Dieser wurde anschließend für den Oscar als bester männlicher Nebendarsteller nominiert. Das sollte wohl auch ein Zeichen aus Hollywood an Spacey sein.

Spaceys Anwältin Keller sagte am Donnerstag in New York, sie sei "sehr dankbar", dass die Jury "die falschen Anschuldigungen durchschaut" habe. Rapps Anwalt Richard Steigman sagte knapp: "Die Jury hat gesprochen."

In den USA hat Spacey damit juristisch einstweilen Ruhe. Bei dem im kommenden Jahr in London anstehenden Verfahren stehen allerdings teils deutlich schwerere Vorwürfe im Raum. Neben vier Fällen wegen sexueller Belästigung geht es auch um einen Fall von penetrativem Sex ohne Einwilligung. Spacey und seine Anwälte haben in allen Fällen auf nicht schuldig plädiert.

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