Süddeutsche Zeitung

Katholische Kirche:"Wir wollen mehr als den Zölibat infrage stellen"

Elf Priester verlangen in einem offenen Brief tiefgreifende Reformen. Einer von ihnen ist der Kölner Pfarrer Franz Decker. Ein Gespräch über leere Kirchen und einsame Männer.

Interview von Felicitas Kock

Eine Gruppe katholischer Priester aus dem Rheinland hat in einem offenen Brief ihren Unmut über die Entwicklung der Kirche zum Ausdruck gebracht. Die Männer, die sich seit ihrer Weihe vor 50 Jahren regelmäßig treffen, fordern eine Öffnung des Priesteramtes für Frauen, sie wollen ein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken - und stellen den Zölibat infrage. Auch Franz Decker war an der Entstehung des Briefs beteiligt. Er war 24 Jahre lang Gemeindepfarrer, hat elf Jahre den Kölner Caritasverband geleitet und ist jetzt im Ruhestand.

Herr Decker, Sie haben mit Ihrem gemeinsamen Brief für großen Wirbel gesorgt. Sind Sie zufrieden mit den Reaktionen?

Mit diesem Echo haben wir tatsächlich nicht gerechnet. Dementsprechend groß ist jetzt die Freude, dass sich so viele Menschen für das interessieren, was wir zu sagen haben. Mit einer Einschränkung: Wir wollen mit unserem Brief mehr, als den Zölibat infrage stellen. Das Thema kommt erst im allerletzten Absatz zur Sprache - trotzdem geht es in der öffentlichen Debatte jetzt nur darum.

Vielleicht, weil es sich um ein Thema handelt, zu dem auch viele Menschen außerhalb der Kirche eine Meinung haben. Woher kommt Ihre kritische Haltung dazu?

Wir haben in der Ausbildung gelernt, dass man den Zölibat als Quelle der Spiritualität sehen soll und dass er Energie freisetzt für die Beziehung zur Gemeinde. Es hieß, man müsse zum Zölibat berufen sein. Das habe ich so nie gefühlt. Ich fühlte mich zum Priesteramt berufen, nicht zum Zölibat. Wenn man das damals zur falschen Person sagte, war das ein Weihehindernis. Aber ich habe im Lauf der vergangenen 50 Jahre wirklich nie festgestellt, dass das zölibatäre Leben eine Quelle meiner Spiritualität war.

In Ihrem Brief heißt es, der Zölibat schaffe eine Einsamkeit, die es so nicht bräuchte.

Der Zölibat ist ja als Lebensform von Mönchen zu Beginn des Mittelalters entstanden. Die haben in großen Gemeinschaften gelebt und gewirkt. Das war für diese Lebensform ein ganz anderer Hintergrund. Mit dem Leben eines alleinstehenden Priesters von heute hat das wenig zu tun. Ich habe vielfach gesehen, dass Leute, die sich für den Zölibat entschieden haben, schlicht beziehungsunfähig waren. Aber ein zölibatäres Leben dröselt so etwas nicht auf, sondern fördert es. Gleichzeitig heißt der Zölibat nicht, dass man alleine bleiben muss. Ich habe immer mit mehreren Leuten in einer Hausgemeinschaft zusammengewohnt. Einmal während des Bosnienkrieges mit einer Flüchtlingsfamilie. Das hat mich herausgefordert, aber ebenso auch getragen und das hat mir immer Inspiration und Bodenhaftung für meinen Beruf gegeben.

Also sind Sie nicht für eine Abschaffung des Zölibats, wie nun vielerorts zu lesen ist?

Wir sind für Flexibilität. Als Kirchenleitung sollte man den Zölibat nicht allgemein verpflichtend machen. Die Priester sollen die Wahl haben. Natürlich werden sich dann viele dagegen entscheiden. Aber das ist in Ordnung. Die Vorstellung, der Priester könne nur zölibatär ein guter Priester sein, ist eine klassische historisch überholte Männervorstellung einer von Männern dominierten klerikalen Kirche. Diese Vorstellung ist es, die abgeschafft gehört.

Wie lange haben Sie denn an dem Schreiben gearbeitet? Waren sich alle einig oder haben Sie viel gerungen?

Wir waren uns bis zum Schluss nicht einig. Wir treffen uns jetzt seit unserer Priesterweihe vor 50 Jahren einmal im Monat. Dass es gelungen ist, diese Treffen am Leben zu halten, ist bei all dem Alltagsstress schon ein kleines Wunder. Als klar war, dass wir in diesem Jahr eine gemeinsame Feier abhalten wollen, haben wir darüber gesprochen, wie wir die vergangenen 50 Jahre eigentlich sehen. Irgendwer hat dann einen Zettel auf den Tisch gelegt und vorgeschlagen, alles aufzuschreiben. Den Textvorschlag, der am Ende herauskam, haben wir lange diskutiert. Am Schluss sagte einer: Das unterschreibe ich nicht, das ist viel zu brav. Aber jetzt stehen alle dahinter.

"Wir müssen eine neue Sprache finden"

Die Gruppe, die jetzt den Brief verfasst hat, hat schon 2012 beim "Aufruf zum Ungehorsam" des ehemaligen Wiener Generalvikars Helmut Schüller mitgemacht. Damals erhielten Sie vom Kölner Kardinal Meisner und auch von Papst Franziskus eine klare Absage. Jetzt gehen Sie mit den mehr oder weniger gleichen Forderungen an die Öffentlichkeit.

Natürlich sind das alles Langzeitforderungen. Die Priesterweihe der Frau zum Beispiel ist als Theoriefrage so weit diskutiert, dass man auf dieser Ebene nicht mehr groß zu reden braucht. Es hat sich viel getan in den vergangenen Jahren, Frauen übernehmen schon jetzt so viele wichtige Aufgaben. Ich denke, das wird weiter so ablaufen: in kleinen Schritten, bis die Frauenordination irgendwann doch unausweichlich ist. Ich gehe nicht davon aus, dass ich diesen Schritt noch erleben werde. Aber dass er kommt, finde ich für die Gemeindepraxis und vor allem für die Glaubwürdigkeit der Kirche unumgänglich.

Sie schreiben, dass es schmerzt, dass heute nur noch so wenige Menschen in die Kirche kommen.

Ja, das ist hart zu sehen, vor allem bei jungen Leuten. Ich habe sechs Geschwister, von denen sich mehrere in der Kirche engagieren. Ihre Kinder interessieren sich aber größtenteils nicht für das Thema. Das hat vielerlei Gründe und liegt auch an der allgemeinen Entwicklung unserer Gesellschaft, also außerhalb unseres Einflusses. Aber natürlich müssen wir etwas tun: Wir müssen zum Beispiel eine neue Sprache finden, mit der wir die Leute erreichen. In der Bibel stehen ja nicht irgendwelche alten Geschichten. Dort steht, was die Menschen unbedingt angeht, auch heute. Nur müssen die biblischen Metaphern und Bilder wieder verständlich gemacht werden.

Warum sind Sie Priester geworden?

Ich war 18, als ich mich dafür entschieden habe. Das war damals in meinem Umfeld ein ganz normaler, gängiger Beruf. Ich stamme aus einer gutkatholischen Familie. Einige meiner Tanten und Onkel waren Ordensleute, ein Bruder meines Vaters war Priester. Den Kölner Kardinal Frings habe ich schon durch meinen Großvater kennengelernt, da war ich noch ein kleiner Junge. Ich empfand das Priesteramt als Beruf mit einer verlockenden Vision, für die ich mich einsetzen wollte. Das ist bis heute so geblieben. Aber natürlich haben wir in der Ausbildung viel erlebt, was schrecklich verspießert war. Dagegen haben wir uns immer gewehrt. Meine erste Stelle entsprach überhaupt nicht meinen Vorstellungen von Seelsorge. Ich habe mich schlecht ausgebildet gefühlt und deshalb zusätzlich zum Theologiestudium noch Pädagogik in Frankfurt studiert. Da habe ich bei der Studentenbewegung mitgemacht und war nach der Diplom-Prüfung noch drei Jahre dort Studentenpfarrer. Das waren für mich wichtige und prägende Erfahrungen.

In Ihrem Brief äußern Sie deutliche Kritik. Aus ihm geht auch hervor, dass Sie sich nach dem zweiten Vatikanischen Konzil größere Veränderungen erhofft hatten. Mit dem Wissen, das Sie heute haben: Würden Sie noch einmal den gleichen Weg einschlagen?

Meine Entscheidung für das Priesteramt fiel vor dem Konzil, das hat mich damals also nicht beeinflusst. Mit dem heutigen Wissen..., ja, ich denke, ich hätte das trotzdem gemacht. Wenn ich das als 18 Jähriger in der heutigen Zeit zu entscheiden hätte, bin ich mir nicht so sicher. Wenn mich heute ein junger Mann fragen würde, ob er Priester werden soll, würde ich mit ihm über seine beruflichen Erwartungen nachdenken, ich würde ihn nach seiner Weltzugewandtheit fragen - und ihm ein Stück von meiner Vision der Nachfolge Christi erzählen.

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