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Katholische Kirche:"Wir müssen eine neue Sprache finden"

Die Gruppe, die jetzt den Brief verfasst hat, hat schon 2012 beim "Aufruf zum Ungehorsam" des ehemaligen Wiener Generalvikars Helmut Schüller mitgemacht. Damals erhielten Sie vom Kölner Kardinal Meisner und auch von Papst Franziskus eine klare Absage. Jetzt gehen Sie mit den mehr oder weniger gleichen Forderungen an die Öffentlichkeit.

Natürlich sind das alles Langzeitforderungen. Die Priesterweihe der Frau zum Beispiel ist als Theoriefrage so weit diskutiert, dass man auf dieser Ebene nicht mehr groß zu reden braucht. Es hat sich viel getan in den vergangenen Jahren, Frauen übernehmen schon jetzt so viele wichtige Aufgaben. Ich denke, das wird weiter so ablaufen: in kleinen Schritten, bis die Frauenordination irgendwann doch unausweichlich ist. Ich gehe nicht davon aus, dass ich diesen Schritt noch erleben werde. Aber dass er kommt, finde ich für die Gemeindepraxis und vor allem für die Glaubwürdigkeit der Kirche unumgänglich.

Pfarrer Franz Decker

Franz Decker war 24 Jahre lang Gemeindepfarrer.

(Foto: privat)

Sie schreiben, dass es schmerzt, dass heute nur noch so wenige Menschen in die Kirche kommen.

Ja, das ist hart zu sehen, vor allem bei jungen Leuten. Ich habe sechs Geschwister, von denen sich mehrere in der Kirche engagieren. Ihre Kinder interessieren sich aber größtenteils nicht für das Thema. Das hat vielerlei Gründe und liegt auch an der allgemeinen Entwicklung unserer Gesellschaft, also außerhalb unseres Einflusses. Aber natürlich müssen wir etwas tun: Wir müssen zum Beispiel eine neue Sprache finden, mit der wir die Leute erreichen. In der Bibel stehen ja nicht irgendwelche alten Geschichten. Dort steht, was die Menschen unbedingt angeht, auch heute. Nur müssen die biblischen Metaphern und Bilder wieder verständlich gemacht werden.

Warum sind Sie Priester geworden?

Ich war 18, als ich mich dafür entschieden habe. Das war damals in meinem Umfeld ein ganz normaler, gängiger Beruf. Ich stamme aus einer gutkatholischen Familie. Einige meiner Tanten und Onkel waren Ordensleute, ein Bruder meines Vaters war Priester. Den Kölner Kardinal Frings habe ich schon durch meinen Großvater kennengelernt, da war ich noch ein kleiner Junge. Ich empfand das Priesteramt als Beruf mit einer verlockenden Vision, für die ich mich einsetzen wollte. Das ist bis heute so geblieben. Aber natürlich haben wir in der Ausbildung viel erlebt, was schrecklich verspießert war. Dagegen haben wir uns immer gewehrt. Meine erste Stelle entsprach überhaupt nicht meinen Vorstellungen von Seelsorge. Ich habe mich schlecht ausgebildet gefühlt und deshalb zusätzlich zum Theologiestudium noch Pädagogik in Frankfurt studiert. Da habe ich bei der Studentenbewegung mitgemacht und war nach der Diplom-Prüfung noch drei Jahre dort Studentenpfarrer. Das waren für mich wichtige und prägende Erfahrungen.

In Ihrem Brief äußern Sie deutliche Kritik. Aus ihm geht auch hervor, dass Sie sich nach dem zweiten Vatikanischen Konzil größere Veränderungen erhofft hatten. Mit dem Wissen, das Sie heute haben: Würden Sie noch einmal den gleichen Weg einschlagen?

Meine Entscheidung für das Priesteramt fiel vor dem Konzil, das hat mich damals also nicht beeinflusst. Mit dem heutigen Wissen..., ja, ich denke, ich hätte das trotzdem gemacht. Wenn ich das als 18 Jähriger in der heutigen Zeit zu entscheiden hätte, bin ich mir nicht so sicher. Wenn mich heute ein junger Mann fragen würde, ob er Priester werden soll, würde ich mit ihm über seine beruflichen Erwartungen nachdenken, ich würde ihn nach seiner Weltzugewandtheit fragen - und ihm ein Stück von meiner Vision der Nachfolge Christi erzählen.

© SZ.de/mane

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