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Katholische Kirche:Kardinal Meisner - stolz, ein Konservativer zu sein

Kardinal Joachim Meisner

Kardinal Joachim Meisner kurz vor seinem Rücktritt 2014 in Köln.

(Foto: dpa)

Er war der Vertreter einer anderen Kirche und einer anderen Zeit. In theologischen Fragen scheute Kardinal Meisner keinen Konflikt. Doch im persönlichen Gespräch und in der Predigt konnte er gewinnend, ja sogar witzig sein. Ein Nachruf.

Wenn Kirchenmänner sich selbst charakterisieren, wählen sie oft Attribute, die Nächstenliebe, Opferbereitschaft, Demut ausdrücken sollen. Traditionelle katholische Werte eben. Papst Benedikt XVI. hat, als er 2013 abtrat, gesagt, von nun an sei er nur noch ein "einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn". Anders Kardinal Joachim Meisner, der jetzt im Alter von 83 Jahren gestorben ist. Der ehemalige Kölner Erzbischof nannte sich selbst "Wachhund" und "Widerstandskämpfer Gottes".

Im persönlichen Gespräch, das berichten Menschen, die ihn näher kennen, konnte Meisner gewinnend, ja sogar witzig sein. Als Kirchenmann scheute er dagegen keinen Konflikt. Meisner nahm für sich in Anspruch, "nur Gott nach dem Mund zu reden" und kannte in theologischen Fragen kaum Kompromisse. Er wollte den Glauben an den Mann oder die Frau bringen, ohne diesen "zu verbilligen", predigte klar und einnehmend und eckte mit seinen streitbaren Auftritten doch oft an.

Meisner war der Vertreter einer anderen Kirche, einer anderen Zeit. Die unter fortschrittlichen Katholiken populäre Idee, das Priesteramt für Frauen zu öffnen, nannte er Unsinn. Auch Bestrebungen, den Zölibat zu lockern, trat er energisch entgegen. Als eine Buchhandlung in Köln den suspendierten Priester und Kirchenkritiker Eugen Drewermann einlud, boykottierte Meisner den Laden, bei dem er und das Bistum zuvor gute Kunden waren.

Meisner wehrte sich zeitlebens gegen Abweichungen von der reinen katholischen Lehre und gegen Versuche, die Kirche für moderne Lebensentwürfe zu öffnen. Als Edmund Stoiber, der nicht gerade als wildgewordener Revoluzzer bekannt ist, im Jahr 2002 die unverheiratete CDU-Frau Katherina Reiche als Expertin für Familienpolitik in sein Kanzlerkandidaten-Team holte, empfahl Meisner der Partei, das C in ihrem Namen zu streichen.

Er wehrte sich vehement und war dabei bisweilen ungelenk. Die Abtreibungspille RU486 verglich der Bischof mit dem Gift, mit dem die Nazis Millionen von Menschen töteten. Homosexualität, so Meisner, müsse man "ausschwitzen" und obwohl er damit wohl sagen wollte, dass ein schwuler Mann seine Bedürfnisse unterdrücken könne, wurde es als eine Anspielung auf Konzentrationslager verstanden. Nie war sein Ansehen in der Öffentlichkeit geringer.

Die Nah- und Fernwahrnehmung klaffe bei seiner Person sehr auseinander, hat Meisner einmal dem Spiegel erzählt. Das Magazin schloss draus: Er provoziere zwar gern, leide aber gleichzeitig darunter, der "Buhmann der Nation" zu sein. Doch es gab auch die, die Meisner mochten, ihn bewunderten. Papst Benedikt etwa soll seine Ratschläge durchaus geschätzt haben. Der Psychiater Manfred Lutz, der auch Autor und Theologe ist, erklärte das Phänomen Meisner einmal so: Es gebe in unserer vaterlosen Gesellschaft kaum noch Autoritäten, gegen die man protestieren könne. "Da ist Kardinal Meisner geradezu erforderlich."

"Da wo man nicht hin will, da ist man richtig"

Meisner wuchs selbst als Halbwaise auf. 1933 geboren, nahm ihm der Krieg den Vater. Die Mutter flüchtete mit den vier Söhnen von Schlesien nach Thüringen und verdiente den Lebensunterhalt in einer Konservenfabrik. Meisner machte zunächst eine Banklehre, bevor er 1951 ins Spätberufenenseminar eintrat. Er holte das Abitur nach, studierte Theologie in Erfurt und promovierte über die "Nachreformatorische katholische Frömmigkeit in Erfurt". 1962 wurde er zum Priester geweiht. 1975 ernannte ihn Papst Paul VI. zum Weihbischof, 1980 wurde er Bischof von Berlin, als Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz zuständig für die DDR. In dieser Zeit lernte Meisner den Krakauer Kardinal Karol Wojtyła kennen. Der spätere Papst Johannes Paul II. war sofort beeindruckt von Meisner und seinen Predigten und ernannte ihn 1983 zum Kardinal.

Meisners erste große Aufgabe im neuen Amt war, wenige Monate nach Übernahme des Bistums, die Ausrichtung des Katholikentages in West-Berlin. Er beeindruckte die Menschen damals durch seine ungekünstelte Art. Auch mit Nichtgläubigen - in kaum einem entwickelten Land der Welt war der Anteil der Atheisten höher als in der DDR - wusste er umzugehen. In jenen Jahren bemühte er sich, die Eigenständigkeit der Kirche zu bewahren. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger weigerte er sich, mit Erich Honecker zusammenzutreffen (wobei er es in einem Fall nicht verhindern konnte) und kritisierte offen die SED. Angesichts der Sowjetsterne auf vielen öffentlichen Gebäuden rief er beim Dresdner Katholikentag 1987 in die Menge, dass die Katholiken "keinem anderen Stern folgen als dem von Bethlehem".

Damals, so sagte er später einmal, habe er gelernt, Gegenwind auszuhalten. Weil er mehr als 40 Jahre Diktatur erlebt habe, so Meisner zu seinen Kritikern, brauche er auch keine Belehrungen von Theologie-Professoren über die Bedeutung der Freiheit.

Kurz vor dem Ende der DDR ging auch Meisners Zeit in Berlin zu Ende. 1989 wurde er nach Köln berufen. Beide Seiten taten sich damit schwer: Die liberalen Kölner wollten den konservativen Meisner nicht. Ein so konservativer Gottesmann passe nicht in die rheinische Metropole mit ihrer betont großzügigen Auslegung des Katholizismus. Meisner auf der anderen Seite wollte nicht an den Rhein. Obwohl Köln Deutschlands größte Diözese ist - und der dortige Erzbischof viel Macht besitzt. Doch Johannes Paul II. setzte sich gegen alle Widerstände durch.

Irgendwie gewöhnte sich Meisner dann doch an seine neue Wirkungsstätte. "Da wo man nicht hin will, da ist man richtig", sagte er irgendwann. Aber auch der rheinische Humor und die direkte Art der Menschen dort lagen ihm. Als Höhepunkt seiner Amtszeit galt der von allen Seiten als großer Erfolg betrachtete Katholische Weltjugendtag, zu dem 2005 der neu gewählte Papst Benedikt und 400 000 Menschen nach Köln pilgerten. Am Ende blieb Meisner 25 Jahre Erzbischof von Köln.

"Das ist nichts, worauf ich stolz bin, das ist mir in die Wiege gelegt"

Sein erstes Rücktrittsgesuch 2008 wurde abgelehnt, erst als Meisner, inzwischen 80 Jahre alt geworden, erneut um seine Emeritierung bat, nahm Papst Franziskus an. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, würdigte ihn bei seinem Abtritt 2014 als "Mann der klaren Worte, der die Botschaft des Evangeliums und die Lehre der Kirche offensiv verkündet".

Dass im Bundestag vergangene Woche die Ehe für alle beschlossen wurde, musste er in den letzten Tagen seines Lebens noch miterleben. Ob es ihn geärgert, ob er es als Niederlage gesehen hat? Vielleicht. Schon für Papst Franziskus' Empfehlung, Geschiedenen entgegenzukommen, hatte er wenig übrig. Meisner war immer stolz darauf, als Konservativer zu gelten. Denn konservativ meine, "den Glauben zu bewahren". Doch er mochte keineswegs nur diejenigen, die so dachten wie er. So hat er einmal, obwohl bekanntlich radikaler Abtreibungsgegner, seine persönliche Sympathie für Alice Schwarzer bekundet.

An seiner Bestimmung hatte Meisner Zeit seines Lebens nie Zweifel: Nicht einen Moment habe er an der Existenz Gottes gezweifelt, sagte er einmal. "Das ist nichts, worauf ich stolz bin, das ist mir in die Wiege gelegt." Und er war hundertprozentig davon überzeugt, dass er in einer anderen Dimension weiterleben würde. Wenn es je einen Menschen gegeben hat, der keine Angst vor dem Tod hatte, dann ihn.

(Mit Material der Agenturen)

© SZ.de/feko/cat

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