Süddeutsche Zeitung

Katholische Kirche:George Pell, der Mann fürs Grobe im Vatikan

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Gegen den Australier wird wegen Kindesmissbrauchs ermittelt. Als durchsetzungsstarker Macher trieb er die Reform der Kurie voran - sehr zur Freude des Papstes.

Von Matthias Drobinski

Fast wäre er in Australien Football-Profi geworden; auch diese Variante des Footballs ist eine Vollkontakt-Sportart, bei der es gilt, den Gegner bei Gelegenheit von den Beinen zu holen. George Pell aber entschied sich, katholischer Priester zu werden, was ihm auch eine schöne Karriere bescherte: übers Amt des Erzbischofs in Melbourne und Sydney bis hin zum mächtigen Finanzchef der römischen Kurie und Beauftragten von Papst Franziskus für die Reform derselben. Geblieben sind dem heute 76-jährigen Kardinal aus der Football-Zeit die breiten Schultern, die Hemdsärmeligkeit und die Bereitschaft, auch mal einen von den Beinen zu holen.

Kardinal Pell, der vierte Mann in der katholischen Kirche nach Papst, Kardinalstaatssekretär und Präfekt der Glaubenskongregation, ist der Mann fürs Grobe im Vatikan. Er ist ein strammer Konservativer, der 2015 vor der Familiensynode in Rom sich an die Spitze jener 13 Kardinäle setzte, die den Papst per Brief vor der Verwässerung der traditionellen katholischen Ehelehre warnten. Er ist aber auch ein durchsetzungsstarker Macher, und wahrscheinlich bewog gerade diese Kombination Franziskus, Pell eines seiner wichtigsten Projekte zu übertragen: die Kurienreform.

Der Australier schien bullig genug zu sein, die Widerstände in der Kirchenbehörde aus dem Weg räumen zu können, und ausreichend konservativ, dies nicht als den Durchmarsch der Liberalen erscheinen zu lassen. Die ersten Erfolge waren ansehnlich. Pell ordnete zur allgemeinen Anerkennung die skandalgeplagte Finanzverwaltung des Vatikans neu. Dass seine wenig transparente Vorgehensweise bald intern "Pellismo" genannt wurde, störte da so wenig wie die Geschichte, dass er, gegen den Geist des Papstes, sich seine Kardinalswohnung für zwei Millionen Euro habe umbauen und für viele Tausend Euro Kardinalsgewänder habe schneidern lassen.

So hätte alles ein paar schöne Jahre weitergehen können, wenn da nicht diese Missbrauchs-Geschichten gewesen wären. Schon 2008 warfen ihm mehrere Opfer sexueller Gewalt vor, als Erzbischof Fälle vertuscht zu haben. Pell konterte: Wenn ein Lastwagenfahrer eine Frau vergewaltige, mache man doch auch nicht den Spediteur dafür haftbar. Er gab später in einer Video-Vernehmung vor der australischen Missbrauchs-Kommission doch Fehler zu und entschuldigte sich. Damit schien die Sache überstanden zu sein, mochte ihn auch Peter Saunders, Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission, "kalt, hartherzig und fast soziopathisch" nennen.

Jetzt aber hat ihn erneut die Geschichte eingeholt. Zwei Männer sagen, Pell habe sich an ihnen vergangen, als sie Jugendliche waren. Pell nennt dies "Rufmord", doch am 18. Juli wird er vor einem Gericht in Melbourne erscheinen müssen. Der Vatikan hat ihn beurlaubt. Und selbst wenn sich seine Unschuld erweisen sollte, wird die Zahl derer wachsen, die glauben, dass der Kardinal der falsche Mann am falschen Platz ist.

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SZ vom 30.06.2017/jael
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