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Katastrophenhilfe in Haiti:Arbeiten im Chaos

Hunger, Obdachlosigkeit, Plünderungen - die Helfer erleben die Krise in Haiti mit voller Wucht. Nichts ist mehr normal. Doch zwischen Leichen und Ruinen lässt sich auch große Solidarität entdecken.

David Krenz

Endlich, nach mehreren erfolglosen Versuchen, steht die Telefonverbindung München - Port-au-Prince. Am anderen Ende der Leitung sitzt Alinx Jean-Baptiste, Koordinator der Kindernothilfe in Haiti. Im Gespräch mit sueddeutsche.de schildert er schockierende Zustände aus der zerstörten Hauptstadt.

In Haitis Hauptstadt ringen die Menschen um die verbliebenen Lebensmittel- und Kraftstoffreserven.

(Foto: Foto: AP)

Menschen flüchten aus der Stadt

"Es ist sehr chaotisch hier", ruft Jean-Baptiste ins Handy, "alles liegt in Schutt und Asche. Menschen schlafen auf der Straße, es gibt kaum Lebensmittel." Jean-Baptiste ist Haitianer und arbeitet seit 2001 für die deutsche Kindernothilfe in seinem Heimatland. Die deutsche Sprache beherrscht der 29-Jährige seit seinem vierjährigen Studium in der Bundesrepublik.

Im Moment kann Jean-Baptiste nur eingeschränkt helfen: Seit fünf Stunden steht er vergeblich in der endlos scheinenden Schlange vor einer der verbliebenen Tankstellen: "Ich brauche das Benzin, damit ich es überhaupt zur Arbeit schaffe."

Nicht nur er muss laufen. Jean-Baptiste hat Scharen von Menschen beobachtet, die zu Fuß aus der zerstörten Stadt strömen. Ihr Ziel sind die Teile des Landes, die vom Beben verschont blieben. Sie hoffen darauf, dort Nahrung und medizinische Hilfe erhalten zu können.

Denn inmitten der Trümmer gibt es für die Hilfsteams kaum ein Vorankommen. "Die Rettungsteams gelangen nicht zu den Häusern. Es fehlen die Straßen." Besonders zu den Armenvierteln der Metropole stoßen die Helfer nicht vor. "Dort sterben die Leute", sagt Jean-Baptiste

"In Haiti verbrennen wir unsere Leichen nicht"

Nur von Zeit zu Zeit kämpfen sich Fahrzeuge durch die zerstörten Straßenzüge von Port-au-Prince. Es sind Lastwagen. Sie bringen die Leichen aus dem Zentrum raus in die Randgebiete der Stadt. Dort werden sie in ausgehobenen Massengräbern verscharrt. Trotz Seuchengefahr - eingeäschert werden die Körper nicht, sagt Jean-Baptiste: "In Haiti verbrennen wir unsere Leichen nicht. Das widerspricht unserer Tradition."

Die Bergungsarbeiten dauern an, seit Tagen liegen etliche Leichen in den Häuserruinen und auf den Straßen und verwesen in der Sonne. Eigentlich bräuchten die Überlebenden zum Schutz gegen eine Epidemie einen Mundschutz, doch wie bei allen anderen notwendigen Dingen gibt es nur einen äußerst geringen Bestand in dem Krisengebiet. "Ich kann von Glück sprechen, dass ich eine Schutzmaske von der Heilsarmee erhalten habe", sagt Jean-Baptiste.

Die Heilsarmee ist in Haiti ein Kooperationspartner der Kindernothilfe. In einem Slum von Port-au-Prince betreiben die Hilfswerke gemeinsam eine Schule. Auch das Schulgebäude krachte ein, doch da hatte die Glocke bereits zum Unterrichtsschluss geläutet. "Unsere Kinder sind nicht in der Schule gestorben. Aber dort wo die Kinder wohnen, in den Armenvierteln, dort haben die Häuser dem Beben nicht standgehalten", sagt Jean-Baptiste. Er und seine Kollegen wollen nun herausfinden, wie viele ihrer Schulkinder noch am Leben sind.

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