Kastaniensterben Mein Freund, blutender Baum

Jahrelang glaubten Fachleute, die Miniermotte sei der größte Feind der Rosskastanien. Doch ein Bakterium kann den Bäumen noch viel gefährlicher werden. Und wo das Fällkommando antritt, leiden die Menschen meist mit.

Von Thomas Hahn

Linker Hand, von Norden her kommend. Gleich am Anfang der Schlossallee von Schleswig, an der Abzweigung zum Thiessensweg. Da zum Beispiel hat das Sterben schon begonnen. Die mächtige Kastanie, die sich an der Ecke zum angrenzenden Grundstück hin neigt, sieht aus der Ferne gesund aus, aber wer näherkommt, erkennt, dass etwas nicht in Ordnung ist mit ihr: Dort, wo der Stamm sich gabelt und ins knorrige Geäst übergeht, ist die Rinde gebrochen, und wie bei einer schwärenden Wunde bedeckt unter dem Riss ein rötlich-dunkler Schorf die Borke.

"Das ist es", sagt Jens Bagehorn-Delor wenig später. Der Grünplaner von Schleswig sitzt im Bauamt und betrachtet die Fotos von dem Baum aus der Kastanienallee von Schloss Gottorf. Auf eben diese Bäume von der Schlossallee hatte der städtische Baumkontrolleur ihn im Winter aufmerksam gemacht. Achtung, wollte er sagen, der Keim breitet sich weiter aus. Ein tödlicher Krankheitserreger hat die stattlichen Kastanien befallen: Pseudomonas syringae pv. aesculi. Boulevard-Medien würden das Bakterium wahrscheinlich den Kastanien-Killer nennen. Wenn nicht alles täuscht, werden im nächsten Winter holzzersetzende Pilze aus der Wunde in der Borke des Baums sprießen und ihn so schwächen, dass er seine eigenen Äste nicht mehr tragen kann. "Dann muss man den Baum wegnehmen", sagt Jens Bagehorn-Delor.

Die Kastanien sterben. Nicht nur in der kleinen Stadt Schleswig im Norden Schleswig-Holsteins, sondern in ganz Deutschland. Man kann sich schon darauf gefasst machen, dass in den fünf Monaten von Oktober an, wenn das Gesetz den Kommunen Baumfällarbeiten erlaubt, die nächsten Kastanien weggesägt werden. Und wieder wird die Anteilnahme groß sein. Es gibt auch andere Baumseuchen, aber das Sterben der Kastanie beschäftigt die Menschen besonders, weil die Gewöhnliche Rosskastanie, wie sie mit vollem Namen heißt, heraussticht aus der Anonymität der anderen Bäume. "Viele können eine Buche nicht von einer Eiche unterscheiden", sagt Bagehorn-Delor, "aber eine Kastanie kann jeder erkennen." Im Frühling tragen die Kastanien stolz ihre aufrechten weißen Blüten. Im Sommer spenden sie einen besonders dichten Schatten. Und im Herbst werfen sie Früchte, die die Kinder zu Männchen verarbeiten. Viele Schlossalleen bestehen aus Kastanien. Kastanien säumen Straßen und Parkwege. Bayerns Biergärten liegen unter Kastanien. Manche Orte sähen sehr kahl aus ohne Kastanien.

Die Sorge um den Baum ist groß. Wenn man etwa die Gartenbau-Wissenschaftlerin Sabine Werres vom Julius-Kühne-Forschungsinstitut für Kulturpflanzen in Braunschweig fragt, wie es um das Befinden der Rosskastanie in Deutschland be-stellt ist, antwortet sie: "Nüchtern be-trachtet, schlimm." Ungewöhnliche Krankheitsbilder an Kastanien gab es schon in den Neunzigerjahren. 2002 fiel dann ein Kastaniensterben in den Niederlanden auf, 2003 eines in Großbritannien mit ähnlichen Symptomen. Die Bäume hatten Risse in der Rinde und punktförmige Wunden. Unter der Rinde sammelte sich Schleim, Pilze wuchsen aus den Wunden. Ihr Laub wurde schütter. Äste starben ab.

Jetzt werden Ulmen gepflanzt. Sorte Rebona. Die sind resistent gegen das Ulmen-Sterben

Vor acht Jahren ging es dann auch in Deutschland los, zunächst in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Mittlerweile gibt es Berichte über sterbende Kastanien aus ganz Europa. Und nach Jahren der Ursachenforschung legt sich auch eine vorsichtige Expertin wie Sabine Werres fest: Lange galt die Miniermotte als größter Feind der Kastanie, und tatsächlich setzt das Insekt ihr immer noch zu. Aber die tödliche Kraft der aktuellen Epidemie kommt von Pseudomonas. "Wir gehen zunehmend davon aus, dass im Vordergrund das Bakterium steht", sagt Sabine Werres.

Der Erreger ist auf Kastanien spezialisiert. Der Wind treibt ihn offenbar von Baum zu Baum, auch durch Regen- und Nebeltropfen wird er übertragen. Forschungen haben ergeben, dass er sich auf Blätter, Früchte oder Blüten der Kastanie legt. Eine kleine Wunde kann schon reichen, dass das Bakterium den Tod bringt. Und kleine Wunden haben Bäume ständig, wenn zum Beispiel ein Sturm Äste abbricht oder im Herbst die Blätter abfallen.

Ein wirksames Gegenmittel gibt es vorerst nicht. Und nun? Stirbt die Kastanie, die ursprünglich vom Balkan stammt und in Mitteleuropa nur angepflanzt wurde, jetzt aus? "Möglich ist es", sagt Sabine Werres, "aber man muss es abwarten."

Mancher erkennt ohne Kastanien seine Welt kaum wieder. Ralph Giering zum Beispiel, Rentner aus Schleswig. Er steht im Timm-Kröger-Weg vor seiner Doppelhaushälfte und schimpft. Er wohnt sozusagen im Kastanien-Kahlschlaggebiet. Der Timm-Kröger-Weg ist eine enge Straße und ziemlich hell, seit im Winter 2014/15 das Baumfäll-Kommando der Stadt anrückte. Eine Kastanie hat der Weg noch. Wenn man ihre Höhe sieht, kann man ahnen, was für ein schattiger, blätterrauschender Ort der Timm-Kröger-Weg war, ehe Pseudomonas zuschlug.

"Hier stimmt gar nichts mehr", sagt Giering. Wo früher die alten Kastanien wurzelten, stehen jetzt lauter junge Ulmen von der Sorte Rebona aus amerikanischer Züchtung, resistent gegen das gefürchtete Ulmensterben und als "klimatolerant" empfohlen. Außerdem gibt es mehr Platz zum Parken, den Personal und Besucher des benachbarten Krankenhauses regelmäßig so nutzen, dass Giering mit seinem Wagen nicht mehr aus der Ausfahrt kommt. "Seit der Baummaßnahme haben wir in der Straße Probleme", sagt Giering. Ein anderer Nachbar hat gesagt, er sei froh, dass im Herbst nicht mehr so viel Kastanienlaub herumliegen werde. Giering dagegen vermisst die Bäume. "Da ist was kaputt gegangen: Natur!" Er hat immer die Kastanien gesammelt und sie für die Kinder auf dem Mäuerchen vor seinem Haus aufgereiht. Das gefiel ihm. Vorbei. Giering winkt ab. "Ich bin aus dem 18. Jahrhundert."

Laut Baumkataster hat die Stadt Schleswig derzeit 97 Rosskastanien. In der Statistik von 2015 standen noch 120. Die Schlossallee hat erste Lücken. Auch am Hafen mussten die Kastanien wegen Pseudomonas weichen. Neue werden nicht mehr gepflanzt, "weil man davon ausgehen muss, dass die dann auch wieder befallen werden", wie Jens Bagehorn-Delor sagt. Und die Prognose für die Schlossallee ist nicht rosig. Insgesamt zeigen dort fünf Kastanien erste Symptome. Sie weinen still ihre blutigen Tränen. Und wenn man den verwundeten Baum am Thiessensweg betrachtet, seine verwrungene Gestalt, sein Astloch, das wie ein schreiender Mund in die Höhe zeigt. Dann wirkt es, als leide er sehr unter seiner unheilbaren Krankheit.