Süddeutsche Zeitung

Karnevalsorden für Guttenberg:Wenn man trotzdem lacht

Karl-Theodor zu Guttenberg ist mit dem "Orden wider den tierischen Ernst" ausgezeichnet worden. Zur Preisverleihung schickte er seinen Bruder Philipp - der zeigte sich erstaunlich ironiebegabt.

Nico Fried

Ach, da ist er ja. Um kurz nach sieben geht plötzlich der Freiherr zu Guttenberg durchs Foyer. Der erste Eindruck: Er ist einen Tick kleiner als sein Bruder, dafür vielleicht ein bisschen stämmiger. Philipp zu Guttenberg hat den selben wippenden Gang, aber nicht so schlackernde Beine wie Karl-Theodor zu Guttenberg. Der jüngere von beiden trägt keine Brille, aber die schwarzen Haare auch nach hinten, obgleich ganz offensichtlich mit etwas weniger Gel gekämmt.

Philipp zu Guttenberg bleibt auf dem roten Teppich stehen, der durch das Foyer in den Saal führt, wo er heute abend die Hauptperson sein wird. Rundherum ist großes Gedränge, aber der kleine Bruder des Verteidigungsministers soll fürs Fernsehen interviewt werden, live. Dauert nur noch ein paar Minuten. Guttenberg steht da, wartet und lächelt. Es ist warm. Die Reporterin bittet ihren Assistenten um ein Taschentuch, damit sich Guttenberg ein paar Schweißperlchen von der Oberlippe tupfen kann. Danke, hab' selber eins, signalisiert der Freiherr, holt ein blütenweißes Stofftuch aus dem schwarzen Smoking, lächelt und tupft.

Es ist die 61. Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst. Diesen Orden bekommt, wer sich im Amt seinen Humor bewahrt hat. In diesem Jahr hat sich der Aachener Karnevalsverein für den Verteidigungsminister entschieden, vielleicht auch, weil das eine hohe Einschaltquote sichern sollte, wenn die Aufzeichnung der Veranstaltung am Montag im Fernsehen gezeigt wird. Karl-Theodor zu Guttenberg hat schon vor Wochen mitgeteilt, dass er den Orden zwar an-, aber nicht selbst entgegennehmen werde, weil er findet, zu viel Humor sei nun auch wieder nichts für einen Minister, der Soldaten in einem Kriegseinsatz stehen hat.

Statt dessen hat er seinen Bruder geschickt. Philipp Franz zu Guttenberg lebte lange in Österreich und ist dann wieder nach Bayern gezogen. Er ist 37 Jahre alt, Forstwirt und inzwischen auch Präsident der Arbeitsgemeinschaft deutscher Waldbesitzer. Er geht gerne und viel in den Wald, was aber nicht der einzige Grund sein dürfte dafür, dass man ihn bisher noch nicht so richtig wahrgenommen hat. Wie er da so steht auf dem roten Teppich und wartet, macht Philipp zu Guttenberg auch eher den Eindruck, dass ihm Öffentlichkeit nicht so viel bedeutet wie seinem Bruder. Und man käme schon gar nicht auf die Idee, dass er später eine Rede halten wird, die witziger sein wird als das meiste von dem, was vorher die Profis zu bieten hatten.

Seit in Aachen keine Kaiser mehr leben ist neben einem Reitturnier, das heißt wie eine Kartoffelchipsfirma, die Verleihung des Ordens das wichtigste gesellschaftliche Großereignis. Die Herren kommen im Smoking, vielleicht mit einer lustigen, weil zu großen und gepunkteten Fliege dazu, die Damen im Abendkleid. Die Veranstaltung findet im Eurogress statt, einem Bau mit viel Beton, der in etwa so zweckmäßig aussieht, wie er heißt.

Im Saal darf geraucht werden. Deshalb ist wohl auch Laurenz Meyer da. Er war mal Kettenraucher und ein wichtiger CDU-Politiker, ist aber nur eins von beidem geblieben. Überhaupt dominieren beim Orden wider den tierischen Ernst unter den Promis die Gewesenen: Friedrich Merz ist da, ehemaliger Fraktionschef, Hartmut Mehdorn, Ex-Bahn-Chef, Heide Simonis und Bernhard Vogel, auch beide Ex, Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck, Ex-Bauernpräsident, Wendelin Wiedeking, Ex-Porsche-Chef, John Kornblum, Ex-US-Botschafter.

Gut, Norbert Röttgen von der CDU und Christian Lindner von der FDP sitzen auch da. Bei beiden weiß man nicht, wie viel sie schon hinter und wie viel noch vor sich haben. Und draußen auf dem Flur wartet immer noch Philipp zu Guttenberg auf das Live-Interview. Neben ihm steht ein Karnevalist, der sehr aufgeregt ist, weshalb ihm irgendetwas runter fällt. Er bückt sich, hebt den Gegenstand auf, richtet sich wieder auf und fährt dabei mit den langen Fasanenfedern auf seiner Narrenkappe dem Freiherrn einmal durchs Gesicht. Karneval ist gnadenlos.

Dann beginnt das Interview. Wie fühlt er sich? Ähm, gut. Was erwartet er? Ähm, eine große Herausforderung. Was hat der Bruder gesagt? Ähm, er hat viel Glück gewünscht. Die Reporterin bedankt sich und der Freiherr zieht sich auf eine Zigarette zurück.

Die meisten Zuschauer tragen ihren KT im Herzen

Gut dreieinhalb Stunden dauert die Karnevalssitzung, aber das meiste ist schnell erzählt. Eine Kinderkarnevalsgruppe bekommt einen Förderpreis, den eine Marmeladenfirma spendiert hat. Es scherzen Josef, Jupp und Jüppchen, es singen die 4Amigos Oecher (Aachener)Lieder, die ein Nicht-Oecher (Nicht-Aachener) kaum verstehen kann. Alexandra Louisa Macdonald aus Schottland, Tochter des Lord Macdonald of Macdonald und Ehefrau des Freiherrn zu Guttenberg, tanzt trotzdem begeistert mit. Ihr Mann klatscht rhythmisch.

Am Rande der Bühne steht in diesen Stunden Karl-Theodor zu Guttenberg als grinsender Pappkamerad mit einer E-Gitarre in der Hand. Die Cheerleader der Freiburg Nuggets tragen sein Konterfei vorne auf sehr engen gelben T-Shirts. Und die meisten Zuschauer, man muss es wohl so sagen, tragen ihren KT im Herzen.

Im Laufe des Abends summieren sich die Anspielungen auf die Plagiatsaffäre und den vorläufig suspendierten Doktortitel auf etwa zwei Dutzend. Die Reaktion ist immer gleich: Der Vorsitzende des Karnevalsvereins begrüßt die Leute mit dem Hinweis, dass der Orden an Menschen gehe, die sich ihren Humor bewahrt haben, "egal, ob mit oder ohne Doktortitel". Jubel. Der Komiker Guido Cantz sagt, er habe mit dem Präsidenten des Karnevalsvereins und mit Karl-Theodor zu Guttenberg zwei Dinge gemeinsam: "Wir sind alle 1971 geboren und haben alle drei zur Zeit keinen Doktortitel." Jubel. Außerdem habe Uli Hoeneß angerufen und gesagt, der FC Bayern verzichte dieses Jahr auch auf seinen Titel. Jubel.

Der Kabarettist Konrad Beikircher sagt, wer so viele Vornamen habe, der brauche doch gar keinen Doktortitel mehr. Jubel. Die große Mehrheit nimmt Karl-Theodor zu Guttenberg die mutmaßliche Entstehungsgeschichte seiner Doktorarbeit nicht übel. Am Ende des Abends kann man sich nicht mal mehr sicher sein, ob sie ihn nicht sogar deswegen fast noch mehr verehren.

Dann hält Jürgen Rüttgers die Laudatio. Noch so ein Gewesener. "Ich kann ihnen aus eigener Erfahrung sagen: Wer hoch gehoben wird, der kann auch tief fallen", sagt der ehemalige Ministerpräsident. Das ist interessant, weil man sich gar nicht daran erinnern kann, dass der Christdemokrat Rüttgers mal annähernd so populär gewesen wäre wie Guttenberg. Warum er gefallen ist, versteht man allerdings besser, wenn man seine Laudatio hört, in der er drei Witze erzählt und ansonsten über sich selbst spricht.

Dann endlich steigt Philipp zu Guttenberg in den Narrenkäfig, aus dem heraus er in Vertretung seines Bruders sprechen wird. Er bedankt sich für die Worte der Ehrung: "Ich wäre gerührt. Doch es geht ja nicht um mich. Ich bin ja lediglich das Plagiat." Jubel. Was folgt ist eine Rede in Reimform, in der Guttenbergs älterer Bruder sein Fett weg kriegt und zwar im Wortsinne, denn ein Vers über die gegelten Haare ist der Refrain.

Der Bruder macht sich aber auch lustig über das schneidige Auftreten des Ministers, der Sündenböcke immer gleich suspendiere. Über Stephanie zu Guttenberg, die für ihre Sendung gegen Kindesmissbrauch einen dubiosen Sender ausgesucht habe. Über die Inszenierungen in Kundus mit Johannes B. Kerner. Über den Klavierspieler Karl-Theodor, der immer nur dasselbe spiele, und über den Soldaten, der in seiner Eitelkeit sogar den Tarnanzug nur mit Bügelfalte getragen habe. Dann taucht nochmal die Doktorarbeit auf. "Als hätt' das Land nicht andere Sorgen..." Nicht enden wollender Jubel.

Es ist eine geglückte Rede. Originell und selbstironisch. Sie spielt wie in einer Flucht nach vorne einfach mit allen Klischees über Karl-Theodor zu Guttenberg, sie veräppelt aber auch die Medien, die ihm verfallen sind. Wäre die Rede im Ministerium entstanden, dann wäre sie ein Coup Karl-Theodor zu Guttenbergs. Philipp zu Guttenberg wird aber später ganz fest behaupten, es sei seine Rede gewesen, er habe nur ein paar Stellen mit dem Bruder abgestimmt. Möglicherweise die Passage über Angela Merkel, die zum Lachen in den Keller geht, oder über Horst Seehofer, "das größte Irrlicht aller Zeiten".

Volker Bouffier ist hessischer Ministerpräsident und, jetzt mal rein optisch, das Gegenteil von Karl-Theodor zu Guttenberg. Seine Haare sind nicht schwarz, sondern straßenköterblond und er kämmt sie nicht nach hinten, sondern sie hängen halt so vom Kopf. Auf die Frage, wie er die Rede fand, antwortet Bouffier: "Grandios!" Der Bruder habe das toll gemacht, "und das in dieser Situation". Er habe das genau auf den Punkt gebracht, sagt Bouffier. Was genau hat er auf den Punkt gebracht? Darauf antwortet nun Frau Bouffier: "Na, dass auch der Guttenberg einfach ein ganz normaler Mensch ist." Philipp Franz zu Guttenberg, der Mann aus dem Wald, hat einen bemerkenswerten Auftritt hingelegt. Wahrscheinlich nennen ihn seine Freunde bald PF.

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Quelle:
SZ vom 21.02.2011/bre
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