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Karnevalsorden für Guttenberg:Die meisten Zuschauer tragen ihren KT im Herzen

Gut dreieinhalb Stunden dauert die Karnevalssitzung, aber das meiste ist schnell erzählt. Eine Kinderkarnevalsgruppe bekommt einen Förderpreis, den eine Marmeladenfirma spendiert hat. Es scherzen Josef, Jupp und Jüppchen, es singen die 4Amigos Oecher (Aachener)Lieder, die ein Nicht-Oecher (Nicht-Aachener) kaum verstehen kann. Alexandra Louisa Macdonald aus Schottland, Tochter des Lord Macdonald of Macdonald und Ehefrau des Freiherrn zu Guttenberg, tanzt trotzdem begeistert mit. Ihr Mann klatscht rhythmisch.

Am Rande der Bühne steht in diesen Stunden Karl-Theodor zu Guttenberg als grinsender Pappkamerad mit einer E-Gitarre in der Hand. Die Cheerleader der Freiburg Nuggets tragen sein Konterfei vorne auf sehr engen gelben T-Shirts. Und die meisten Zuschauer, man muss es wohl so sagen, tragen ihren KT im Herzen.

Im Laufe des Abends summieren sich die Anspielungen auf die Plagiatsaffäre und den vorläufig suspendierten Doktortitel auf etwa zwei Dutzend. Die Reaktion ist immer gleich: Der Vorsitzende des Karnevalsvereins begrüßt die Leute mit dem Hinweis, dass der Orden an Menschen gehe, die sich ihren Humor bewahrt haben, "egal, ob mit oder ohne Doktortitel". Jubel. Der Komiker Guido Cantz sagt, er habe mit dem Präsidenten des Karnevalsvereins und mit Karl-Theodor zu Guttenberg zwei Dinge gemeinsam: "Wir sind alle 1971 geboren und haben alle drei zur Zeit keinen Doktortitel." Jubel. Außerdem habe Uli Hoeneß angerufen und gesagt, der FC Bayern verzichte dieses Jahr auch auf seinen Titel. Jubel.

Der Kabarettist Konrad Beikircher sagt, wer so viele Vornamen habe, der brauche doch gar keinen Doktortitel mehr. Jubel. Die große Mehrheit nimmt Karl-Theodor zu Guttenberg die mutmaßliche Entstehungsgeschichte seiner Doktorarbeit nicht übel. Am Ende des Abends kann man sich nicht mal mehr sicher sein, ob sie ihn nicht sogar deswegen fast noch mehr verehren.

Dann hält Jürgen Rüttgers die Laudatio. Noch so ein Gewesener. "Ich kann ihnen aus eigener Erfahrung sagen: Wer hoch gehoben wird, der kann auch tief fallen", sagt der ehemalige Ministerpräsident. Das ist interessant, weil man sich gar nicht daran erinnern kann, dass der Christdemokrat Rüttgers mal annähernd so populär gewesen wäre wie Guttenberg. Warum er gefallen ist, versteht man allerdings besser, wenn man seine Laudatio hört, in der er drei Witze erzählt und ansonsten über sich selbst spricht.

Dann endlich steigt Philipp zu Guttenberg in den Narrenkäfig, aus dem heraus er in Vertretung seines Bruders sprechen wird. Er bedankt sich für die Worte der Ehrung: "Ich wäre gerührt. Doch es geht ja nicht um mich. Ich bin ja lediglich das Plagiat." Jubel. Was folgt ist eine Rede in Reimform, in der Guttenbergs älterer Bruder sein Fett weg kriegt und zwar im Wortsinne, denn ein Vers über die gegelten Haare ist der Refrain.

Der Bruder macht sich aber auch lustig über das schneidige Auftreten des Ministers, der Sündenböcke immer gleich suspendiere. Über Stephanie zu Guttenberg, die für ihre Sendung gegen Kindesmissbrauch einen dubiosen Sender ausgesucht habe. Über die Inszenierungen in Kundus mit Johannes B. Kerner. Über den Klavierspieler Karl-Theodor, der immer nur dasselbe spiele, und über den Soldaten, der in seiner Eitelkeit sogar den Tarnanzug nur mit Bügelfalte getragen habe. Dann taucht nochmal die Doktorarbeit auf. "Als hätt' das Land nicht andere Sorgen..." Nicht enden wollender Jubel.

Es ist eine geglückte Rede. Originell und selbstironisch. Sie spielt wie in einer Flucht nach vorne einfach mit allen Klischees über Karl-Theodor zu Guttenberg, sie veräppelt aber auch die Medien, die ihm verfallen sind. Wäre die Rede im Ministerium entstanden, dann wäre sie ein Coup Karl-Theodor zu Guttenbergs. Philipp zu Guttenberg wird aber später ganz fest behaupten, es sei seine Rede gewesen, er habe nur ein paar Stellen mit dem Bruder abgestimmt. Möglicherweise die Passage über Angela Merkel, die zum Lachen in den Keller geht, oder über Horst Seehofer, "das größte Irrlicht aller Zeiten".

Volker Bouffier ist hessischer Ministerpräsident und, jetzt mal rein optisch, das Gegenteil von Karl-Theodor zu Guttenberg. Seine Haare sind nicht schwarz, sondern straßenköterblond und er kämmt sie nicht nach hinten, sondern sie hängen halt so vom Kopf. Auf die Frage, wie er die Rede fand, antwortet Bouffier: "Grandios!" Der Bruder habe das toll gemacht, "und das in dieser Situation". Er habe das genau auf den Punkt gebracht, sagt Bouffier. Was genau hat er auf den Punkt gebracht? Darauf antwortet nun Frau Bouffier: "Na, dass auch der Guttenberg einfach ein ganz normaler Mensch ist." Philipp Franz zu Guttenberg, der Mann aus dem Wald, hat einen bemerkenswerten Auftritt hingelegt. Wahrscheinlich nennen ihn seine Freunde bald PF.

© SZ vom 21.02.2011/bre
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