Karneval:Grokolores

Die Mottowagen-Konstrukteure hatten es einfach in diesem Jahr: Union und vor allem die SPD lieferten mit der politische Realsatire während der Regierungsbildung die perfekten Vorlagen für Karnevalsscherze.

Von Christian Wernicke

Er nennt seine Kunst schlicht "Satire auf Rädern", und mit seinen Großplastiken hat Jacques Tilly, der Star unter Deutschlands Wagenbauern, auch am Rosenmontag 2018 ins Schwarze getroffen. Der SPD sei Dank. Gleich zweimal verewigte der 54-jährige Düsseldorfer das Elend der Sozialdemokraten. Zuerst mit einem gescheiterten Martin Schulz, der sich selbst durch einen Fleischwolf dreht und zu Hackfleisch verwurstet; dann mit der (noch) lachenden Erbin, auf deren roter Brust der Satz prangt: "Das ENDE ist NAHles".

Im Dreikampf der rheinischen Karnevalshochburgen hat sich Düsseldorf damit erneut als der Ort profiliert, der den einen Ursprung der fünften Jahreszeit - den respektlosen Spott über "die da oben" - am hemmungslosesten auslebt. Helau toppte Alaaf, schon wieder. Bei kaltem, aber überraschend sonnigem Wetter standen Hunderttausende Narren und Jecken am Straßenrand, um die Motivwagen zu bejubeln. Oder nur, um Kamelle, Pralinen oder "Strüssje" (kleine Blumensträuße, meist Tulpen) einzusacken. Auch musikalisch errang Düsseldorf einen Achtungserfolg: Die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt, deren laues Liedgut von der Kölner Konkurrenz ansonsten verachtet wird, erlebte einen mobilen Auftritt der "Toten Hosen". Die Altstadt bebte, als die Düsseldorfer Punkrocker auf ihrem Wagen den Gassenhauer "Tage wie diese" sangen.

Kölner und Mainzer Karnevalisten geben sich traditionell mehr der eigenen Seligkeit hin, mit mehr Pferden, mehr Kapellen und weniger Spitzen gegen die Obrigkeit: Mainz zeigte Angela Merkel als Schildkröte, die bei Gefahr den Kopf einzieht, in Köln saßen (von der Wirklichkeit bereits überholt) Merkel und Schulz auf Schaukeln und rasten als "Große Kollision" aufeinander zu. Der größte Aufreger in Köln war kein provozierender Mottowagen, sondern ein Unfall: Kutschpferde gingen durch, drei Menschen wurden verletzt, der Zug musste für etwa eine halbe Stunde gestoppt werden.

Düsseldorf hingegen suchte wieder Aufmerksamkeit per Tabubruch. Dazu riskierte Tilly Grenzüberschreitungen, etwa mit der Plastik von Großbritanniens Premier Theresa May, die, noch an der Nabelschnur, eine Missgeburt namens Brexit hochhält. Allerorten verhöhnt sah sich erneut "The Donald": In Köln rollte der US-Präsident als Dampfwalze am Dom vorbei, in Mainz als Macho, aus dessen Unterhose eine Atomrakete schwillt. Düsseldorf provozierte mit einem knienden Trump, den ein russischer Bär von hinten vergewaltigt. "Wir wollten ein Bild schaffen, das er sich nicht übers Bett hängen kann", sagte Tilly der SZ. Die Affäre um russische Interventionen im US-Wahlkampf sei doch "derzeit das einzige, was dem Kerl das Genick brechen kann". Für die Landespolitik in Nordrhein-Westfalen hatte Tilly auf seinen zwölf Wagen nicht einmal Spott übrig: "Laschet ist zu langweilig."

© SZ vom 13.02.2018
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB