Süddeutsche Zeitung

Karneval:Die paar Bierleichen

  • Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker übt Kritik am Karneval in der Stadt.
  • Die Tradition verkomme immer mehr zu einem "allgemeinen Besäufnis".
  • Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees in der närrischen Stadt am Rhein, widerspricht der Bürgermeisterin. "Dieses Gerede, es werde nur getrunken, kann man doch nicht mehr aushalten", sagt er.

Von Joachim Käppner

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker ist eine unerschrockene Frau. Anders würde sie es schwerlich aushalten an der Spitze der anarchischsten aller deutschen Großstädte. Aber diesmal hätte sie vielleicht ein zweites Mal überlegen sollen, wem sie da ihr Missfallen ausspricht. Ihre Klage: Der Karneval sei "zu etwas geworden, das eher einem allgemeinen Besäufnis entspricht, als dem, was unsere Karnevalskultur ausmacht". Das war, um im Bilde zu bleiben, der erste Böllerschuss für die "Hölle in Kölle"-Fehde, die nun, falls so etwas überhaupt möglich ist, die tollen Tage in der Stadt überschattet. Denn Christoph Kuckelkorn höchstpersönlich, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, trat zur Verteidigung der, wie es in Büttenreden gern heißt, närrischen Hochburg Colonia an.

Weiberfastnachtmorgen im ehrwürdigen Rathaus, Empfang bei der Stadtspitze. Sonst werden zu diesem Anlass lose und lustige Reden gedroschen. In diesem Jahr nicht. Kuckelkorn steht in seiner Jecken-Uniform, einen bunten Dreispitz auf dem Kopf, am Rednerpult, daneben in der Reihe der Karnevalisten das Stadtoberhaupt im Rote-Funken-Kostüm. Sie lächeln nicht, es geht um eine ernste Sache: den Spaß. Kuckelkorn tut kund, er habe sich "extrem geärgert" über Kritiker, die behaupten, die Leute würden "im Karneval nur saufen und sonst nichts". Will wohl sagen: Wenn so viele Menschen so viel Spaß haben - wozu sich aufregen über, wie der Rheinländer sagt, Kokolores und Kinkerlitzchen wie ein paar Bierleichen, Wildpiesler und Berge leerer Flaschen auf den Straßen?

Auch wenn er Reker nicht direkt ansprach: Der Hieb saß, zumal der Präsident noch folgen ließ, unqualifiziertes Gemoser schade nicht nur dem Narrentum, sondern auch der Stadt. Jeder Jeck mag anders sein, aber alle kennen sie in Köln Kuckelkorn, den 53-jährigen Oberkarnevalisten und langjährigen Cheforganisator des Rosenmontagszuges. Und es hat ihm gereicht: "Dieses Gerede, es werde nur getrunken, kann man doch nicht mehr aushalten." Es stimme einfach nicht: "Hier war jetzt mal der Präsident gefragt, der nicht nur für sich spricht, sondern vor allem für mehr als 120 Vereine der Stadt."

In seiner ruhigen, höflichen Art wirkt er zwar eher nicht wie ein zu allem entschlossenes Feierbiest, aber vielleicht ist das gerade zur Zeit kein Fehler. Die nicht allein im Zuge der "Me Too"-Debatte gestiegenen Anforderungen an das Miteinander der Geschlechter und der feierfrohe, dem Exzess nicht abgeneigte Karneval sind nicht immer und überall kompatibel (noch vor einer Generation überreichte man Damen den "Schneeflittchen"-Orden). Zuletzt hatte der Schriftsteller Navid Kermani die "Verballermannisierung" des Karnevals beklagt: "Wenn die Spaßgesellschaft durchdreht und es nur noch darum geht, zu grölen und sich möglichst schnell zu besaufen, laufe ich weg."

"Das ist alles so gut, so stark, so gigantisch."

Kuckelkorn ist eher zum Weglaufen, wenn er derlei hört. Für ihn ist der Karneval Bestimmung: "Er steht für das bunte Zusammenleben, für eine Kultur des Miteinander." Er legt Wert darauf: "Wir gehen in Schulklassen, da haben 70 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, und wir feiern alle zusammen. Das ist alles so gut, so stark, so gigantisch."

Dass er im Hauptberuf in fünfter Generation das Bestattungsunternehmen seiner Familie führt, sieht er nicht als Widerspruch. Eine Beerdigung, sagt er gelegentlich, erfordere Aufmerksamkeit und höchste Präzision, nicht minder als die Organisation des Rosenmontagszuges. Mit dem von Sitzung zu Sitzung eilenden Kuckelkorn spontan ins Gespräch zu kommen, erscheint in diesen tollen Tagen so leicht, als würde man während eines EU-Gipfels im Élysée-Palast anrufen und sich erkundigen, ob Monsieur Macron erreichbar sei, man habe da ein paar Fragen. Kuckelkorn ruft aber tatsächlich zurück, denn er ist auf der Mission Karneval unterwegs - "und den lassen wir uns nicht kapputtreden".

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SZ vom 10.02.2018/jael
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