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Kardinal Reinhard Marx:"Geht hinaus, habt Mut!"

Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 2014

Ein zufriedener neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: Erzbischof Reinhard Marx aus München.

(Foto: action press)

Er spricht eine klare Sprache, die in der katholischen Kirche zuletzt gefehlt hat. Trotzdem gibt es Vorbehalte gegen Kardinal Reinhard Marx, den neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz und mächtigen Münchner.

Das Elf-Uhr-Glockenspiel ist über Münster verweht, "Teure Heimat, seh' ich dich wieder" hat es gespielt und "Gaudeamus igitur"; in der Stille öffnet sich die Tür des Priesterseminars. Der neue kommt hinter dem alten Vorsitzenden Robert Zollitsch, stellt sich breitbeinig hinters Mikrofon, seine Stimme füllt den Platz vor dem Seminargebäude. Einen "offenen und geistlichen Wahlprozess" habe es gegeben, sagt Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising. Er sagt: "In einer pluralen Welt brauchen wir die Stimme des Evangeliums." Und es sei an der katholischen Kirche, dafür zu sorgen, "dass diese Stimme in diesem Land gehört wird". Er versichert, dass der Dialogprozess weitergeht, den sein Vorgänger Zollitsch angestoßen hat. Die Causa Tebartz-van Elst? (der Limburger soll nur durch gutes Zureden davon abgehalten worden sein, nach Münster zu kommen) Da müsse er sich erst einlesen. Marx pariert Journalistenfragen, scherzt, ist gut gelaunt.

Ja, Reinhard Marx wollte dieses Amt, wie sehr er auch vorher versicherte, dass er im Grunde genug zu tun habe. Sechs Jahre ist es her, da wählten die Bischöfe nicht ihn, den Aufstrebenden, sondern den erfahrenen Robert Zollitsch aus Freiburg. Das hat ihn damals getroffen. Sechs Jahre Reifezeit liegen hinter ihm, die Krise des Missbrauchsjahres 2010 wie der Aufstieg zu einem der wichtigsten Mitarbeiter von Papst Franziskus. Jetzt hat er es geschafft.

Beeindruckende Bewerbungsrede

Just an diesem Mittwoch in der Morgenmesse soll er im Dom predigen; Marx nutzt die Gelegenheit zu einer beeindruckenden Bewerbungsrede. Die Lesung stammt aus dem Buch Jona der hebräischen Bibel. Geht hinaus, predigt er den Mitbrüdern - wie einst der Prophet Jona in die Stadt Ninive. Habt Mut, euch fremden Welten zu stellen, wo keiner auf euch wartet. Und predigt den Menschen keine Vorschriften, sondern sprecht von der Barmherzigkeit Gottes. Marx spricht frei, seine Sätze sind klar, fromme Floskeln fehlen, und was er sagt, klingt ungefähr so, wie Papst Franziskus in Rom predigt. Und ja: Mut und Selbstvertrauen hätte mancher Bischof nötig.

Das kann Marx wie kein Zweiter in dieser manchmal arg verdrucksten Konferenz: Die Sache auf den Punkt bringen und ihr dann auch eine Richtung geben. Das war seine Stärke, als er, der Sozialexperte, 1997 zu den wichtigen Autoren des gemeinsamen Sozialworts der Kirchen gehörte, als er ein Jahr später den Dialog zwischen katholischer Kirche und den Grünen voranbrachte. Das war seine Stärke, als er sich 2010 in jenen Wochen, da mehr und mehr sexuelle Übergriffe in der Kirche bekannt wurden, zu radikalem Handeln entschloss und alle Akten des Erzbistums nach Taten und Tätern durchforsten ließ - die Detail-Ergebnisse jedoch im Tresor verschwinden ließ. Ein tatkräftiger Vorsitzender mit bestem Draht nach Rom, geeignet, die von dort kommenden Ansprüche des Papst-Sekretärs und Erzbischofs Georg Gänswein und des Präfekten der Glaubens-Kongregation, des Kardinals Gerhard Ludwig Müller, abprallen zu lassen - kann den deutschen Bischöfen Besseres passieren?

Vier Wahlgänge bis zur absoluten Mehrheit

Und trotzdem ist es keine ganz glatte Wahl im großen Saal des Priesterseminars Münster. Erst nach vier Wahlgängen steht gegen halb elf die absolute Mehrheit der 63 wahlberechtigten Bischöfe und Weihbischöfe fest. Die konservative Gruppe hätte lieber Felix Genn aus Münster zum Vorsitzenden gemacht, einen so ehrbaren wie frommen Geistlichen, doch in der ersten Versammlung ohne ihren obersten Protagonisten, den Kölner Kardinal Joachim Meisner, ist das aussichtslos. Andere um den Mainzer Kardinal Karl Lehmann favorisieren den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, von dem der Satz überliefert ist, ein Hirte müsse auch einmal hinter der Herde gehen können und den Schafen zutrauen, dass sie ihren Weg finden. Den aber wollen die Konservativen nicht wählen. So bleibt der Münchner Erzbischof, trotz mancher Bedenken.

Und die sind unüberhörbar, wenn man in den Beratungspausen vor der Wahl jene Bischöfe abpasst, die aus dem abgeschirmten Raum zum Kaffee oder an die frische Luft eilen. Mancher fürchtet Marx, den Multifunktionär, der neben der Leitung des großen Erzbistums München mit seinen vielen offenen Baustellen und einem Engagement auf Europaebene, im Kardinalsrat des Papstes und nun auch in seinem Wirtschaftsrat auch noch schnell den Bischofskonferenzvorsitzenden mitmacht. Er werde überlegen, was er abgebe, hat Marx angekündigt.

Ein umstrittener Gewinner

Anderen ist er zu vorwärtsdrängend, zu sehr Politiker, zu mächtig und machtbewusst. Das musste er jüngst bei der bitteren Pleite des Weltbild-Konzerns erfahren. Marx und sein Generalvikar Peter Beer drängten die anderen Bischöfe, Millionen Euro für den schlingernden Verlag bereitzustellen. Doch den meisten erschien das Projekt als grandiose Selbstüberschätzung, am Ende standen die Münchner zusammen mit den Augsburgern weitgehend alleine da.

Er sei nachdenklicher geworden, sagt Marx über sich, weniger drängend und fordernd. Er sei sich stärker bewusst als früher, dass er seine lebensfrohe Seite habe, die des Zigarrenrauchers und einstigen Motorradfahrers - aber eben auch eine melancholische Seite. Er ist erfahrener und älter geworden. Und es hat ihn offenbar die Erfahrung des Konklaves vor einem Jahr verändert: dass da das Kollegium der Kardinäle sagte, so gehe es nicht mehr weiter mit der Kirche, und Jorge Mario Bergoglio wählte. Und dass der als Papst Franziskus seiner Kirche aufgetragen hat, an die Ränder der Existenzen zu gehen, barmherzig statt doktrinär zu sein. Des Papstes Worte jedenfalls hat Marx aufgenommen. Wie viel Handlung daraus wird, werden die kommenden sechs Jahre zeigen.