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Entwicklungsminister Müller:"Babys werden in nassen Zelten von Ratten gebissen"

Flüchtlingslager auf Lesbos

Im Flüchtlingslager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos soll laut SOS-Kinderdörfer ein dreijähriges Mädchen vergewaltigt worden sein.

(Foto: Alea Horst, Moria, März 2020/obs)

Drei Monate nach dem Brand in Moria seien die Zustände auf der griechischen Insel Lesbos für Migranten katastrophal, beklagt Entwicklungsminister Müller. Besonders schlimm sei es für die Kinder.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller hat die Lage im Flüchtlingslager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos angeprangert. Kara Tepe wurde zum Auffanglager, als im September ein Brand das Lager Moria verwüstete. "Das neue Lager Kara Tepe ist offensichtlich nicht besser - im Gegenteil: Ärzte ohne Grenzen musste jetzt eine Tetanus-Impfaktion starten, weil Babys in nassen Zelten von Ratten gebissen werden", sagte Müller der Passauer Neuen Presse. Dies seien "entsetzliche Zustände - mitten in Europa".

Man sei davon ausgegangen, "dass die schrecklichen Zustände nach dem Brand verbessert werden, aber die Wirklichkeit sieht leider anders aus", sagte Müller. Etwa 10 000 Menschen waren beim Brand des Lagers Moria über Nacht obdachlos geworden und in großen Teilen in Kara Tepe untergebracht worden. Aktuell sollen dort 7500 Menschen unter katastrophalen Umständen leben.

Der griechische Migrationsminister Notis Mitarakis hat Müllers Aussage bezüglich der Ratten am Montagnachmittag dementiert. Die Vorfälle seien erfunden, teilte das Migrationsministerium in Athen mit. Auch eine deutsche Ärztin auf Lesbos konnte der Deutschen Presse-Agentur solche Vorfälle am Montagabend nicht bestätigen. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen sei gar nicht im Lager selbst aktiv, sondern arbeite außerhalb, teilte das Migrationsministerium mit. Es sei nicht das erste Mal, dass Medien die Realität verzerrten und sich damit absichtlich oder auch unabsichtlich an einer Kampagne gegen Griechenland beteiligten.

Schwere psychische Belastung - vor allem für die 2500 Kinder

Am Freitag hatte die Organisation SOS-Kinderdörfer informiert, dass in Kara Tepe Anfang der Woche ein dreijähriges Mädchen vergewaltigt worden sein soll. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnt zudem vor einer dramatischen Verschlechterung der psychischen Gesundheit der Geflüchteten. Die Unterbringung in Zelten während des einsetzenden Winters, die Unsicherheit im Lager und die lange Dauer der Asylverfahren stellten eine schwere psychische Belastung dar, vor allem für die etwa 2500 Kinder.

"Wir sehen weiterhin Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Symptome von Depressivität und einige extreme Fälle von reaktiver Psychose, Selbstverletzungen und Suizidgedanken. Die schwersten Fälle von Kindern, die wir sehen, sind diejenigen, die isoliert sein wollen oder den Wunsch zum Ausdruck bringen, ihr Leben zu beenden", sagt Thanasis Chirvatidis, der als Kinderpsychologe für Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos arbeitet.

Auch Müller warnt vor den langfristigen Folgen für die Kinder in den Lagern auf den griechischen Inseln. Die Anerkennungsverfahren vor Ort dauerten viel zu lange. Die größeren Kinder hätten so kaum Möglichkeiten zur Schule zu gehen. "Wenn sich das nicht ändert, wächst hier mitten in Europa eine verlorene Generation auf", sagte Müller.

© SZ/dpa/munz/afis
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Von Tobias Zick

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