Kannibalismus in der Südsee:Mythos Menschenfresser

Uralte Kulturen, die den Kannibalismus pflegen, treffen auf deutsche Missionare und Kolonialbeamte: Der Historiker Simon Haberberger hat den Kannibalismus und seine Folgen in Papua-Neuguinea erforscht. Ein Gespräch über Kolonialschuld und den Missionar im Kochtopf.

Lena Jakat

Was hat ein toter deutscher Weltumsegler mit Knochenfunden in Colorado zu tun? Simon Haberberger ist eigentlich Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde im bayerischen Illertissen. Er hat über Kannibalismus in den deutschen und britischen Südsee-Kolonien promoviert - ein vergleichsweise wenig "blutleeres Thema", meint er. Auf der papua-neuguineischen Insel Nissan ließ er sich von den Einheimischen aus der Kolonialzeit erzählen. Da sich dort keine Schrift entwickelte, lebt die Geschichte bis heute in mündlichen Überlieferungen weiter.

sueddeutsche.de: Im Fall des kürzlich verschwundenen Deutschen wurde rasch über "Menschenfresserei" gemutmaßt - inzwischen wurde dieser Verdacht allerdings entkräftet. Sind Fälle von Kannibalismus am Ende nur ein Mythos?

Simon Haberberger: Zu verschiedenen Zeiten hat es Kannibalismus mit Sicherheit fast überall auf der Welt gegeben, freilich aus ganz verschiedenen Motiven - auch in Europa. Dort wurden zum Beispiel im Mittelalter Arzneien aus den Körpern Hingerichteter gewonnen. Ähnliche Praktiken gab es übrigens auch in China. Allerdings muss man immer sehr genau hinsehen, was Mythos ist, und was Realität. Diese Legenden haben im Übrigen auch dazu beigetragen, dass man zwischenzeitlich gar nicht mehr daran glaubte, dass Kannibalismus tatsächlich existierte.

sueddeutsche.de: Wie das?

Haberberger: In den achtziger Jahren herrschte eine Art Glaubensstreit unter Historikern und Ethnologen. Die Skeptiker hielten alle Berichte über Kannibalismus für bloße imperialistische Propaganda. Es gibt jedoch eine Vielzahl verlässlicher historischer Belege: Augenzeugen, Gerichtsverfahren, Menschen, die Kannibalismus zugegeben haben. Inzwischen haben sich auch naturwissenschaftliche Beweise gefunden. In Colorado wurden Exkremente aus dem 12. Jahrhundert entdeckt, die Myoglobin enthielten, wie es nur in menschlichem Muskelgewebe vorkommt.

sueddeutsche.de: Warum assoziiert man mit Kannibalismus aber vor allem einsame Inseln?

Haberberger: Der Kannibalismus-Vorwurf eignete sich gerade im 19. Jahrhundert hervorragend, um Missionierung und Kolonialisierung zu rechtfertigen. In der Kolonialzeit wurden die Menschen so stigmatisiert, als "Wilde" abgewertet. Schnell wurde aus einem Fund menschlicher Knochen ein Akt von Menschenfresserei. Aber tatsächlich hat sich gewohnheitsmäßiger Kannibalismus an jenen Stellen der Erde am längsten gehalten, die erst spät von der Außenwelt entdeckt wurden, wie zum Beispiel bei den Fore auf Neuguinea. Bei ihnen übertrug sich durch den Verzehr von menschlichen Gehirnen die Kuru-Krankheit, die ähnlich der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit ist.

sueddeutsche.de: Wie wird Kannibalismus zur Gewohnheit?

Haberberger: Für Kannibalismus, der sich als fester Bestandteil einer Kultur entwickelt, gibt es ganz unterschiedliche Motive. Wenn es uns bei dem Gedanken schaudert, liegt das wohl daran, dass unausgesprochen Normen und Werte vorausgesetzt werden, die in Europa gelten, die es aber deswegen noch lange nicht anderswo auch gibt. Oft hatte das Verspeisen von Menschenfleisch einen magischen Hintergrund, hatte mit Zauberei zu tun. Die Menschen glaubten zum Beispiel, dass die Eigenschaften des Toten auf sie übergehen. Kannibalismus gab es aber auch dort, wo Eiweißknappheit herrschte. Auf Neuguinea zum Beispiel lebten ursprünglich keine größeren Säugetiere.

sueddeutsche.de: Also steckte man dort den Missionar in den Kochtopf?

Haberberger: Diese Witzblattfiguren haben mit der Realität absolut nichts zu tun. Überwiegend wurden Feinde verzehrt, die im Kampf getötet oder gefangen genommen worden waren. Irgendwelche finsteren Rituale oder Hokuspokus gab es jedoch auch nicht, Menschenfleisch wurde meist wie ganz normale Nahrung behandelt. Der Fleischverzehr war außerdem meist monopolisiert: Die Stellung des Kriegers in einer Gruppe war sehr wichtig. Er war es auch, der das Fleisch bekam. Frauen und Kinder gingen häufig leer aus.

sueddeutsche.de: Die deutschen Kolonialherren, die 1884 einen Teil der Südsee als Deutsch-Neuguinea für sich reklamierten, müssen entsetzt gewesen sein.

Haberberger: Zunächst hat sich die Kolonialverwaltung gar nicht so sehr darum gekümmert. Für die Missionare freilich war der Kannibalismus das denkbar schlimmste Verbrechen - und ein willkommener Vorwand für die Christianisierung. Erst nach ein paar Jahren haben die Kolonialherren angefangen, Kannibalismus zu bestrafen. Kollektive Strafen für solche "Vergehen", etwa Strafexpeditionen, sind Teil unserer Kolonialschuld.

sueddeutsche.de: Und die Menschen haben einfach so damit aufgehört?

Haberberger: Sie haben genauso verständnislos auf die Europäer reagiert, wie die ihrerseits auf die Neuguineer. Der Kannibalismus wurde zwar mit der Zeit weniger, vor allem in der Folge hat man ihn dort einfach nicht mehr so öffentlich praktiziert. Heute wird dort natürlich kein Menschenfleisch mehr gegessen. Die Erzählungen über Krieger und ihre Taten von damals sind allerdings bis heute lebendig.

© sueddeutsche.de/jobr
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