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Stilkritik: "Schweigen":Der Nichtssagende mit wahrer Botschaft

FILE PHOTO: Canada's Prime Minister Justin Trudeau pauses during a news conference on Parliament Hill in Ottawa

Justin Trudeau mit Bart und ohne Worte.

(Foto: Blair Gable/Reuters)

Was soll man von diesem Donald Trump halten, der die USA gerade ins Chaos regiert? Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat eine Antwort.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau musste lange mit den Vorwürfen leben, dass er, erstens, zu gut aussehe, um ein Mann von Substanz zu sein, und zweitens, dass er viel rede, aber wenig sage. Dem ersten Problem begegnete er, indem er sich einen Bart stehen ließ. Dem zweiten Problem begegnete er in dieser Woche, indem er 21 Sekunden lang schwieg und damit alles sagte.

Trudeau war gefragt worden, wie er die Lage in den USA einschätze und was er davon halte, dass US-Präsident Donald Trump das Militär im Land einsetzen will und friedliche Demonstranten mit Tränengas hat vertreiben lassen, damit er sich vor einer Kirche fotografieren lassen konnte. Trudeau vermeidet es, Trump zu kritisieren. Diesmal aber ging er in die Vollen.

Die ersten fünf wortlosen Sekunden lang schien das noch nicht ungewöhnlich zu sein. Es wirkte, als denke Trudeau nach. Er öffnete seinen Mund. Er schloss seinen Mund. Nach weiteren fünf Sekunden holte Trudeau Luft. Dann schmatzte er. Er presste die Lippen zusammen. Schließlich entfuhr ihm ein Geräusch, ein Äh, das klang wie ein Ächzen. Selten passte der Ausdruck vom beredten Schweigen so gut wie in diesem Moment. Als Trudeau endlich zu sprechen begann, erwähnte er Trump mit keinem Wort.

Die Geschichte ist voll von großen Schweigern, man denke, um nur zwei besonders Schweigsame zu nennen, an den niederländischen Fürsten Wilhelm von Nassau-Dillenburg (Willem de Zwijger) sowie den italienischen Fußballer Enzo Bearzot, der als "Der Schweiger aus dem Friaul" bekannt war und Italien 1982 als Trainer zum Weltmeistertitel führte.

Justin Trudeau ist nun ebenfalls einer dieser Nichtssagenden geworden, deren wahre Botschaft nicht mehr auf die Flüchtigkeit des Wortes angewiesen ist. Er hat eine neue Stufe in seiner Laufbahn erklommen, und der nächste Schritt sollte sein, dass er sich schnellstens diesen, ehrlich gesagt, ziemlich albernen Bart wieder abrasiert.

© SZ/moge
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