SZ-Kolumne "Bester Dinge":Gafferin in eigener Sache

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(Foto: twitter/@MammaMitch)

Eine Kanadierin bricht mit dem Auto im Eis ein und macht vor ihrer Rettung noch schnell ein Selfie. Warum es keinen Grund gibt, sich über sie aufzuregen.

Von Marcel Laskus

Es braucht Disziplin, um einen Berg zu besteigen und niemandem davon zu erzählen. Nicht den Freunden bei Instagram, nicht den Kollegen bei Linkedin und schon gar nicht der Doppelkopfrunde bei Whatsapp. Dass so etwas heute noch geschieht, wird mit der Omnipräsenz digitaler Kanäle unwahrscheinlicher. Und sowieso: Der Mensch braucht für sein Tun nun mal ein Publikum. Folglich war es zwar nicht für alle nachvollziehbar, aber doch auch irgendwie menschlich, wie eine Kanadierin sich nun sogar dann mit dem Handy fotografierte, als sie in Lebensgefahr war.

Nahe der Stadt Ottawa sei die Frau mit ihrem Auto von der Straße abgekommen und auf den gefrorenen Rideau River gerutscht, so erzählten es Augenzeugen dem Sender CTV News. Das Eis konnte das Gewicht des Fahrzeugs offenbar nicht tragen. Selbstlose Helfer machten sich rasch mit Kajaks und Seilen auf, um die Frau zu retten. Die Frau stieg indes auf das Dach ihres Autos und tat das, was nun bei manchen Kopfschütteln auslöst: Sie machte von sich selbst und ihrer Misere ein Foto.

Ist das respektlos gegenüber den Helfern? So kann man es sehen. Doch nach allem, was man weiß, hat sie diese ja nicht sabotiert. Man könnte also auch sagen, dass die Frau eben das Beste aus ihrer misslichen Lage gemacht hat: eine Bilddatei, über die sie eines Tages lachen kann. Sie wurde zur Gafferin, aber eben nur in eigener Sache. Das ist auch nicht unsympathischer als jene Zeugin, die so erbost war über die Frau, deren Auto im Fluss versank, dass sie wiederum selbst zur Gafferin wurde und ein Foto vom Selfie machte, um sich darüber auf Twitter zu empören.

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