Kanada Teufelspakt mit bösen Folgen

Die Schulmädchen-Mörderin Karla Homolka wird nach zwölf Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Viele Kanadier können sich nicht damit abfinden, dass die blonde, attraktive, kaltblütige Mörderin so billig mit den Horrortaten davonkommt.

Von Von Bernadette Calonego

Vancouver, 24. Juni - "K-Day" steht unmittelbar bevor, und ganz Kanada ist alarmiert. Die Schulmädchen-Mörderin Karla Homolka, Teil des berüchtigsten Killerpaares des Landes, wird aus dem Gefängnis entlassen. "K-Day" ist der 5.Juli, aber die Behörden wollen Karla Homolka schon ein paar Tage vorher heimlich freilassen, was die kanadische Öffentlichkeit seit Monaten schon sehr aufregt.

Die Schulmädchen-Mörderin Karla Homolka.

(Foto: Foto: AP)

Viele Kanadier können sich nicht damit abfinden, dass die blonde, attraktive, kaltblütige Mörderin so billig mit Horrortaten davonkommt, die vor zwölf Jahren das ganze Land traumatisiert haben.

Karla Homolka, eine damals 22-jährige Tierarztgehilfin, und ihr Ehemann Paul Bernardo entführten 1992 die 15-jährige Schülerin Kristen French und ein Jahr später die 14-jährige Leslie Mahaffy, schleppten sie in ihr Haus und folterten sie während mehrerer Tage.

Bernardo, ein sexueller Sadist, vergewaltigte die Teenager und strangulierte sie anschließend. Das diabolische Paar filmte seine Schandtaten.

Karla Homolka, die unschuldig aussehende Tochter eines polnischen Immigranten, hatte Paul Bernardo geheiratet, als er ihr schon gestanden hatte, dass er der gesuchte Sexverbrecher sei, der Frauen in der Umgebung von Toronto vergewaltigte.

Erst als Bernardo nach den Morden seine Ehefrau immer härter verdrosch, ging Karla Homolka zur Polizei. Von den Verbrechen erzählte sie zunächst nichts - bis sie sich in die Ecke gedrängt sah.

Schließlich packte sie aus, aber erst, nachdem ihre Anwälte mit den Ermittlungsbehörden einen Teufelspakt ausgehandelt hatten: Homolka würde sich zu Totschlag bekennen und im Prozess gegen Bernardo als Kronzeugin aussagen.

Dafür musste sie nur 12 Jahre hinter Gitter, Bernardo erhielt lebenslänglich.

Willig und lustvoll mitgewirkt

Doch kaum war der Pakt rechtskräftig und Homolka verurteilt, kamen die Videobänder zum Vorschein, die bewiesen, dass sie nicht das verängstige Opfer eines gewalttätigen Ehemannes war, die bei den Verbrechen nur mithalf, um nicht selbst getötet zu werden.

Denn so hatte sie sich dargestellt. Die Bänder zeigten, dass Karla Homolka willig und lustvoll mitgewirkt hatte. Die Entführung von "Sexsklavinnen" war, wie sich später herausstellen sollte, ihre Idee. Aber da war es schon zu spät, denn der Deal ihrer Anwälte war nicht mehr rückgängig zu machen.

Zu spät kam auch die Enthüllung, dass Karla Homolka ihre 15-jährige Schwester Tammy am Weihnachtsabend 1990 mit Drogen betäubte und ihrem Verlobten Bernardo als "Geschenk" anbot.

Er vergewaltigte Tammy, die darauf an Erbrochenem erstickte - so die offizielle Version. Heute glauben Experten, dass Tammy an dem Gift starb, mit dem Karla Homolka sie betäubte. Dafür - und für ihre wahre Rolle bei den Morden - wird sie aber nie büßen müssen.

Das lastet wie eine ungetilgte Schuld auf der Psyche der Kanadier. Mit 35 Jahren kann Karla Homolka nun ein neues Leben anfangen. Im Gefängnis hat sie Psychologie studiert und Französisch gelernt.

Leidenschaftliche Briefe an einen Frauenmörder

74 Prozent der Kanadier finden, sie stelle immer noch eine Bedrohung dar. Umso mehr, als bekannt wurde, dass sie im Zuchthaus leidenschaftliche Briefe an einen grausamen Frauenmörder geschrieben hat.

Als durchsickerte, dass sie sich in der Stadt Montreal niederlassen wolle, gab es lauthals Proteste von Eltern und Anwohnern. Die Behörden haben ihr nun den Kontakt mit Kindern und Kriminellen für ein Jahr verboten.

In Kanada herrschen Wut und Frustration, dass sich die Behörden von Homolka und ihren Anwälten so täuschen ließen und die Ermittlungen verschlampten.

Aber genau so heftig ist der Appetit auf jedes kleinste Detail über die perverse, hübsche Tierarztgehilfin. Homolka ist zu einer nationalen Obsession geworden.

Die kanadischen Zeitungen beschäftigen sich fast täglich mit ihr. Wird sie ihr Haar schwarz färben? Hat sie Anrecht auf Sozialhilfe? Ihr Leben wird verfilmt. Sie ist ein dämonisierter Star. Eine morbide Faszination gemischt mit Schuldgefühlen gegenüber den Opfern hält die kanadische Öffentlichkeit gefangen.

Die Faszination wird nicht nachlassen, denn bald ist Karla Homolka frei.