Kampusch-EntführungZweiter Mann im Visier der Ermittler

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Möglicherweise hat Wolfgang Prikopil Natascha Kampusch doch nicht alleine entführt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt gegen dessen besten Freund.

Unmittelbar nachdem sich Natascha Kampusch nach achtjähriger Gefangenschaft aus dem Haus Wolfgang Prikopils befreit hatte, hat sich der Mann umgebracht. Das war vor etwa drei Jahren. Mittlerweile gehen Polizei und Staatsanwaltschaft davon aus, dass Prikopil das Mädchen, das mittlerweile eine Frau von 21 Jahren ist, nicht alleine entführt hat. Die Grazer Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt im Entführungsfall Natascha Kampusch auch gegen Ernst H., einen Freund des Täters Priklopil.

Im Jahr 2006 äußerte sich Ernst H. noch auf einer internationalen Pressekonferenz zur Entftührung von Natascha Kampusch und seinem Freund Wolfgang Prikopil. Jetzt wird gegen ihn selbst ermittelt.
Im Jahr 2006 äußerte sich Ernst H. noch auf einer internationalen Pressekonferenz zur Entftührung von Natascha Kampusch und seinem Freund Wolfgang Prikopil. Jetzt wird gegen ihn selbst ermittelt. Foto: dpa

"Es besteht der Verdacht, dass er an der Entführung beteiligt war", sagte Oberstaatsanwalt Thomas Mühlbacher in Graz und bestätigte damit einen Bericht der Zeitung Die Presse am Sonntag.

Gegen den Verdächtigen, Ernst H., werde nun wegen "Freiheitsentziehung" ermittelt. "Es haben sich Verdachtsmomente ergeben", sagte Mühlbacher. "Und aus der besonderen Nahbeziehung von H. zu Priklopil sind noch Fragen offen, die nicht zufriedenstellend geklärt sind." Im Zusammenhang mit dem Fall Kampusch sei außerdem ein Ersuchen an die deutsche Staatsanwaltschaft gestellt worden, bei zwei Zeugen Beweismittel sicherzustellen.

Bis Jahresende will Mühlbacher über eine eventuelle Anklage entscheiden. Natascha Kampusch wurde als zehnjährige Schülerin 1998 von Priklopil entführt und nahe Wien in einem Keller festgehalten, aus dem sie sich 2006 befreien konnte. Daraufhin hatte sich der Entführer kurz vor seinem Selbstmord noch mit Ernst H. getroffen.

Zeugin spricht von zwei Männern

Eine Woche nachdem sich Priklopil im Alter von 44 Jahren vor einen Zug geworfen hatte, trat H. an die Öffentlichkeit und sagte, er habe Kampusch nur ein Mal im Juli 2006 gesehen, als sie und Priklopil zu ihm gekommen seien, um einen LKW-Anhänger auszuborgen. "Sie machte einen fröhlichen, glücklichen Eindruck. Ich war sehr überrascht und konnte nicht einordnen, ob das seine Freundin war oder doch nur eine Bekannte". Dass es sich um die vermisste Kampusch handelte, hätte er nicht gewusst.

H. sagte aber auch, er sei einige Male im Haus seines Freundes gewesen - in der Zeit, als sich Kampusch schon in dessen Keller befand. Einmal half er zwei Tage lang bei Arbeiten am Dach von Priklopils Einfamilienhaus in Strasshof: "Auch dabei ist mir nichts Ungewöhnliches aufgefallen."

Nun will der unauffällig wirkende Mann keine Kommentare mehr abgeben. "Für mich ist es die beste Variante, gar nichts mehr zu sagen", sagte H. jetzt der Wiener Zeitung Kurier, denn jede seiner Aussagen würden negativ interpretiert. Zu verbergen habe er allerdings nichts.

Der Fall Kampusch wird zur Zeit neu aufgerollt, nachdem eine Untersuchungskommission unter der Leitung des ehemaligen Verfassungsgerichtshofspräsidenten Ludwig Adamovich "gravierende Mängel" bei den ursprünglichen Ermittlungen festgestellt hatte. Falls es Mittäter oder Mitwisser gebe, seien Kampusch und andere potenzielle Opfer heute noch in Gefahr, hatte Adamovich im August gesagt.

Kampusch selbst hat ausgesagt, dass ihr keine Mittäter bekannt seien. Allerdings will eine zwölfjährige Zeugin der Entführung zwei Männer beobachtet haben, die Kampusch auf ihrem Schulweg in einem Kastenwagen entführten.

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