Waldbrände in Kalifornien Das Mitleid von heute ist die Ignoranz von morgen

In Kalifornien sterben bei Waldbränden mehr als 40 Menschen, doch die Schlagzeilen beherrschen zerstörte Promi-Villen - wie die von Thomas Gottschalk. Lässt das die Leser wirklich näher an die Katastrophe heranrücken?

Kommentar von Martin Zips

In Brasilien hat es am vergangenen Wochenende einen Erdrutsch in einem Armenviertel der Stadt Niteroi gegeben, es gab mindestens 14 Tote. Und in der südspanischen Stadt Guadix ist eine Feuerwerksfabrik explodiert: drei Tote. Die Unwetter in Jordanien, sie haben gerade 13 Menschenleben gefordert, ein Zugunglück im Kongo mindestens 18.

Prominente waren jeweils nicht darunter.

In Kalifornien sind bei Waldbränden jetzt mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen. Doch wir interessieren uns vor allem für die Katzen von Thomas Gottschalk. Erschütternd, die Drohnenbilder von seinem völlig zerstörten Anwesen. Alles abgebrannt, nur noch der Kamin steht. Und das da unten, das muss einmal seine Windmühle gewesen sein.

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Bislang kamen mindestens 44 Menschen ums Leben. Viele werden noch vermisst. US-Präsident Trump stellt den Betroffenen finanzielle Unterstützung in Aussicht.

Ist es nicht interessant, dass ein Franke, der mal "Wetten, dass..?" moderiert hat, dort gleich neben der Sängerin Miley Cyrus wohnt und die Ex von Til Schweiger direkt neben Bob Dylan? Oder, dass es den Hollywood-Schauspieler Gerard Butler auch ganz schlimm erwischt hat? Wirklich jeder kann das auf den von Butler auf Instagram geposteten Bildern sehen.

"Wonnevoll ist's bei wogender See, wenn der Sturm die Gewässer aufwühlt, ruhig vom Lande zu sehen, wie ein andrer sich abmüht", beschrieb der römische Dichter Lukrez bereits vor mehr als 2000 Jahren das verbreitete Phänomen menschlicher Schaulust. Im Zeitalter von Digitalkamera und Drohne hat sich das Gaffertum nur potenziert. Und jeder Mensch ist, wer sollte es ihm verdenken, beim großen Spiel des "Memento mori" deutlich lieber Zuschauer als auf der Bühne. Natürlich interessiert man sich besonders für diejenigen, denen man ohnehin schon seit Jahren zuschaut. Gottschalk zum Beispiel.

Der Gaffer-Gesellschaft den Stecker ziehen

Doch was macht der? Witze. Gute Witze. Dass sein Herz für seine Ehefrau Thea brenne, wisse man ja, sagte der Moderator einer Boulevardzeitung. "Aber dass zum Hochzeitstag auch noch unser Haus brennt, muss nicht sein." Und während der deutsche Betroffenheitsjournalismus mal wieder Psychiater nach oben spült, die einem brav erklären, dass uns Menschen das Mitgefühl mit Prominenten "näher an eine Katastrophe heranrücken lässt", also nichts Schlechtes sei, bittet der frühere Ministrant Gottschalk im Bayerischen Rundfunk darum, ihn angesichts vieler anderer Katastrophen doch bitte in Ruhe zu lassen. Denn: "Es gibt größeres Elend auf der Welt." Wie gut das tut.

Schlagzeilen heißen deshalb so, weil man von ihnen erschlagen werden kann, hat einmal der österreichische Satiriker Helmut Qualtinger gesagt. Die Schlagzeile "Gottschalk: Es gibt größeres Elend auf der Welt als meines!" hätte tatsächlich mal das Zeug, einer Instagram-affinen, stets nur auf den nächsten Höhepunkt der eigenen Erregungsskala ausgerichteten Gaffer-Gesellschaft den Stecker zu ziehen.

Denn nicht weniger schlimm als jeder Waldbrand ist jenes geheuchelte Mitleid, das schon morgen wieder nichts anderes ist als: Ignoranz.

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Bei verheehrenden Waldbränden kommen in Kalifornien mindestens 44 Menschen ums Leben, mehr als 200 werden noch vermisst. Aufmerksamkeit erregen aber vor allem abgebrannte Prominenten-Anwesen in Malibu.   Von Martin Anetzberger, Philipp von Nathusius und Malte Conradi, San Francisco