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USA:Kalifornien leidet unter seinem maroden Stromnetz

Firefighters battle a wind-driven wildfire in Sylmar, California

Die Santa-Ana-Winde, auch Teufelswinde genannt, sind gefürchtet in Kalifornien.

(Foto: Gene Blevins/Reuters)
  • Kaputte Stromleitungen lösen in Kalifornien immer wieder Waldbrände aus.
  • Ein großer Energieversorger hat deswegen nun zwei Millionen Menschen den Saft abgedreht.
  • "Es ist inakzeptabel, was passiert ist", sagt Gouverneur Gavin Newsom.

Eine wichtige Nachricht vorneweg: Pepe ist wohlauf, er genießt ein Schlammbad in seinem vorübergehenden Zuhause. Pepe ist ein 275-Kilo-Schwein, er musste wegen der Lauffeuer in Kalifornien am Wochenende in Sicherheit gebracht werden.

Es brennt, mal wieder. Rauch legt sich wie eine Decke über den US-Bundesstaat an der Westküste, es gibt Bilder von Menschen, wie sie ihre Häuser verlassen müssen, und Videos, wie Tiere fortgebracht werden. Mal wieder. "Wir haben 33 Stunden gearbeitet, ohne Pause und ohne Schlaf", sagt Saskia Chiesa, Gründerin des Tierheims LA Guinea Pig Rescue, aus dem Meerschweinchen, Pferde und eben das Schwein Pepe an sichere Orte gebracht worden sind: "Er hat geschrien wie am Spieß, aber wir haben ihn zu siebt in den Lastwagen geschafft."

USA

Tausende fliehen vor Waldbränden in Kalifornien

Mal wieder, das sind die entscheidenden Worte bei dem, was da gerade in Kalifornien passiert. Es brennt, wie schon in den Jahren davor, die berüchtigten Santa-Ana-Winde führen dazu, dass sich die vielen Feuer rasend schnell ausbreiten und kaum zu kontrollieren sind. Mehr als 100 000 Menschen mussten ihre Häuser und Wohnungen verlassen, außerdem hat der Stromversorger Pacific Gas and Electric (PG&E) mehr als zwei Millionen Kaliforniern mehrere Tage lang den Strom abgeschaltet, von Mittwoch bis Samstag. Eine erst einmal gerechtfertigte Maßnahme: Eine der Überlandleitungen soll im vergangenen November für das schlimmste Feuer in der Geschichte des Bundesstaates verantwortlich gewesen sein. Mehr als 80 Menschen kamen damals ums Leben, die Stadt Paradise wurde zerstört, der Sachschaden liegt bei mehr als 16 Milliarden Dollar.

Dass der Strom abgedreht wird, bedeutet aber nicht, dass die Leute gemütlich im Wohnzimmer sitzen und bei Kerzenschein Bücher lesen. "Man kann sich nicht vorstellen, was passiert, wenn man es nicht selbst erlebt", sagt die 72 Jahre alte Tara Drolma aus Clearlake im Norden von Kalifornien. Über Notfallbatterien hatte sie ihren Herzschrittmacher, das Mobiltelefon und den elektrischen Rollstuhl geladen, am Donnerstag ging auch diese Energieversorgung zur Neige. "Mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten."

Der Computer funktionierte nicht, das Telefon war die einzige Verbindung zur Außenwelt, doch die Webseite von PG&E war stundenlang nicht erreichbar. Also erfuhr Tara Drolma auch nicht, dass der Konzern in einem Seniorenheim Ladestationen errichtet hatte. Die 72-Jährige ernährte sich von Brot und Dosenfisch und überlegte, welches elektrische Gerät für sie nicht zu ersetzen sein würde. Sie hatte jedoch Glück, in ihrem Haus wurde am Freitag der Strom wieder angestellt - bevor die Batterien leer waren.

Die Los Angeles Times hat noch mehr solche Geschichten gesammelt. Sie zeigen, wie verheerend die Stromabschaltung gerade für ältere und kranke Menschen gewesen ist: Patienten, die zur Dialyse in weit entfernte Krankenhäuser fahren mussten. Leute, die in der Dunkelheit ihre Medikamente nicht finden konnten. Eine ältere Frau, deren Atemgerät nicht funktionierte und die deshalb ihre Tochter bat, die komplette Nacht über Wache zu halten. In Pollock Pines, etwa 60 Kilometer östlich von Sacramento, starb ein 67 Jahre alter Mann zwölf Minuten nach dem Abstellen des Stroms, auch sein Atemgerät hatte nicht mehr funktioniert. Die Obduktion ergab zwar, dass der Stromausfall nicht direkt für den Tod verantwortlich sei, seine Tochter aber sagte der Times: "Es hat auf jeden Fall nicht geholfen - wir hatten noch nicht einmal Zeit, den Generator zu holen."

Die Kleinstadt Morgan Hill südlich von San José verhängte eine Ausgangssperre, weil die Polizei Unfälle und Plünderungen in der Dunkelheit befürchtete. Nach der Ankündigung von PG&E am Montag vor einer Woche, zwei Tage später den Strom abzustellen, hatte es zunächst Tumulte in den Supermärkten gegeben, die Beamten in der Stadt befürchteten, dass komplettes Chaos ausbrechen könnte, wenn die Einwohner bemerken, dass Nahrungsmittel in den Kühlschränken verrotten oder sie in Öfen und Mikrowellen kein Essen zubereiten können.

Ist Kalifornien nicht jener Staat, in dem die Zukunft des Menschen erfunden wird? In dem jene Tüftler sitzen, die die Menschen so vernetzt haben wie nie zuvor? Sie bestellen mit ihren Smartphones einen frischen Avocado-Thunfisch-Salat, und in weniger als zehn Minuten wird er an die Haustür geliefert. Sie bauen elektrisch betriebene Flugtaxis und schicken sich an, den Mars zu besiedeln. Und ausgerechnet die bekommen es nicht hin, ein bekanntes Problem so zu lösen, dass es nicht aussieht wie in einem Kriegsgebiet? Ist Kalifornien abseits der Metropolen Los Angeles, San Francisco und San Diego womöglich eine Art Neandertal?

"Es ist inakzeptabel, was passiert ist", sagt Gouverneur Gavin Newsom, der am Freitag, mal wieder, den Notstand ausgerufen hat: "Das ist passiert, weil Entscheidungen verzögert, verschoben oder nicht getroffen worden sind, von einem der größten Stromversorger in diesem Land." Das ist ein direkter Angriff auf PG&E. Dem Unternehmen wird außerdem vorgeworfen, es habe mit dem Abschalten des Stroms nicht unbedingt die Einwohner, sondern vor allem sich selbst schützen wollen.

Das Unternehmen hatte im Januar Gläubigerschutz beantragt und sich kürzlich außergerichtlich mit Versicherungen auf Zahlungen in Höhe von elf Milliarden Dollar wegen der Feuer in den vergangenen zwei Jahren geeinigt. Der Vorwurf nun: Der Konzern habe weniger in die Verbesserung von Infrastruktur und Sicherheit als vielmehr in Marketing und Lobbyarbeit investiert, und er verkaufe die Maßnahmen als dringend notwendig, dabei wolle er sich nur vor weiteren möglichen Klagen schützen. "Das stimmt nicht", sagt Bill Johnson, seit Mai Geschäftsführer von PG&E: "Wir müssen uns bei unseren Kunden entschuldigen, wir müssen besser kommunizieren und besser auf solche Situationen vorbereitet sein."

Sie haben den Strom am Wochenende wieder angeschaltet, das ist die gute Nachricht für zwei Millionen Kalifornier. Die schlechte Nachricht für Menschen und Tiere wie das Schwein Pepe: Es brennt noch immer an vielen Orten, und es besteht der Verdacht, dass zumindest beim Feuer in Südkalifornien ein Strommast oder eine Überlandleitung der Auslöser gewesen sein könnte. Mal wieder.

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