Palm Springs Hauptstadt des Cool

Na und? Die Statue "Forever Marilyn" des Künstlers Seward Johnson trifft das Lebensgefühl der Menschen in Palm Springs ganz gut.

(Foto: mauritius images)

Im kalifornischen Palm Springs gehören alle Mitglieder des Stadtrats der LGBTQ-Gemeinschaft an, ein Novum in den USA. Die Stadt ist cool, hip und offen. Das war allerdings nicht immer so.

Von Jürgen Schmieder, Palm Springs

Und dann ist da dieser Mann vor dem Rathaus, der tanzt. Er ist durchtrainiert, die Haut etwas zu intensiv von der Sonne geküsst, Typ ehemaliger Leistungssportler, er könnte 45 oder auch 70 Jahre alt sein. Er trägt Wanderstiefel, Kopfhörer und Jeans-Shorts, die wirklich nur das Allernötigste bedecken, mehr hat er nicht an. Er nickt, dann vollführt er akrobatische Verrenkungen, eine Mischung aus Capoeira und Regentanz, er ist eine Erscheinung, aber niemanden interessiert, was er macht. Kein Tuscheln oder Grinsen der Passanten, keine Handyfotos.

Drinnen sitzt Robert Moon, der Bürgermeister. Er ist homosexuell und damit Teil der LGBTQ-Gemeinschaft wie alle anderen fünf Mitglieder des Stadtrats - so etwas hat es in den USA noch nie gegeben. Die Stadträtin Lisa Middleton möchte dem 69 Jahre alten Moon gerne nachfolgen, sie wäre die erste Transgender-Bürgermeisterin der Vereinigten Staaten. "Ich habe das bis zur ersten Sitzung überhaupt nicht bemerkt", sagt Moon achselzuckend. So ist Palm Springs, ein einziges Achselzucken, das sagt: Macht euch mal locker. Wer sich davon befreit hat, anderen gefallen zu müssen, der kann tun, was er will, und der kann sein, wer immer er sein möchte.

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Vielleicht wird das nirgendwo so deutlich wie in Palm Springs. Die 45 000-Einwohner-Stadt ist wieder zu einer Hauptstadt des Cool geworden, in Kalifornien, in den USA und vielleicht sogar auf der ganzen Welt. Es war schon mal so, vor langer Zeit, als erst Promis wie Greta Garbo, Katharine Hepburn und Cary Grant nach Palm Springs kamen und später Frank Sinatra, Steve McQueen und Marlon Brando.

Die Stadt war zwei Autostunden von Los Angeles entfernt, nahe genug, um in der Metropole an der Westküste arbeiten und das jeweilige Image pflegen zu können. Dennoch lag zwischen L. A. und Palm Springs ein Universum, weil die Stars hier sein durften, wie sie waren, und weil die Stadt die kleinen und großen Geheimnisse gewissenhaft bewahrte. Der Entertainer Władziu Valentino Liberace zum Beispiel behauptete bis an sein Lebensende, auf gar keinen Fall schwul zu sein, er klagte gegen diese Behauptungen sogar vor Gericht. In Palm Springs wussten alle Bescheid und es kümmerte: niemanden.

Die Promis ließen außergewöhnliche Häuser errichten, bei denen jedem, der diesen Mid-Century-West-Coast-Style mag, das Herz aufgeht. Sie feierten wilde Partys, und wer dabei gewesen ist damals, für den ist Palm Springs ein heiliger Ort der säkularisierten 1960er, so wie das Playboy-Anwesen oder das Studio 54.

Palm Springs widerfuhr zunächst das gleiche Schicksal wie der Villa von Hugh Hefner und dem legendären Nachtclub in New York: Heilige Orte werden dadurch entweiht, dass irgendwann auch die Ungläubigen hinein dürfen, in diesem Fall: die Uncoolen.

Palm Springs, das Wartezimmer Gottes

Wer sich dem Mainstream öffnet, der verliert seinen Zauber, weil er plötzlich nicht mehr so sein darf, wie er ist, sondern so sein muss, wie andere das erwarten. Die Coolen zogen weiter, und Palm Springs wurde in den 1990er-Jahren entweder "Geisterstadt" oder "Wartezimmer Gottes" genannt, weil außer ein paar Rentnern kaum noch wer hier lebte.

Amigo Room im Ace Hotel, ein Montag im Oktober. Sie veranstalten einen Quizabend hier, Moderator ist jemand mit dem Namen "Bella da Ball", eine wunderbar witzige Dragqueen mit waffenscheinpflichtigem Mundwerk und rosarotem Marge-Simpson-Haarturm. Bella da Ball legt Wert darauf, dass man sprachlich auf sie nicht mit "he" ("er") oder "she" ("sie") verweist, sondern mit "they", also dem Personalpronomen in der dritten Person Plural.

Das Lokal ist voll, es sind junge Leute aus Südkorea da, eine Junggesellin mit fünf Freundinnen aus Neuseeland, ein Paar aus Deutschland und ein Freundeskreis aus Kalifornien. Es wird viel geschrien und gelacht, und wer einfach mitschreit und mitlacht, der landet am Ende mit Junggesellinnen aus Neuseeland und dem Freundeskreis aus Kalifornien im Bootlegger Tiki, noch so eine Bar, die selbst an einem Montagabend rappelvoll ist. Man kommt sofort an in dieser Stadt, man ist sofort dabei, und man kennt innerhalb weniger Minuten Leute aus aller Welt.

Was ist passiert in Palm Springs, wie hat die Stadt die Renaissance geschafft?

Zurück zu Robert Moon, dem Bürgermeister. Moon hat ordentlich Karriere gemacht, im amerikanischen Militär, als Berater der Reagan-Regierung, bei einem IT-Konzern. 2001 ist er hierher gezogen, seit 2015 ist er Bürgermeister. Die Struktur des Stadtrates ist bedeutsam, um die Renaissance von Palm Springs zu verstehen. Moon lebte jahrelang in Washington, er musste dort seine Homosexualität verbergen: "Mein Ehemann hat die Partys in unserem Haus vorbereitet und sich dann durch die Hintertür hinausgeschlichen, das war eine immense Belastung."

Leben und leben lassen

Moon besuchte Palm Springs im Jahr 1999, er sah die Architektur, spürte das angenehme Klima und erlebte die Leben-und-leben-lassen-Einstellung der Einwohner: "Zwei Jahre später gab es ein Jobangebot in der Nähe, ich habe sofort zugeschlagen."

Es gab in Palm Springs noch immer diese Häuser von Architekten wie Albert Frey, Donald Wexler und William Cody - doch anders als in anderen Städten waren sie aufgrund des Niedergangs hier nun bezahlbar. Es kamen Leute, die sich anderswo nicht verstanden oder akzeptiert fühlten, sie legten Wert auf diese Architektur und eine Hauptstraße, die nicht völlig durchgentrifiziert ist mit Läden, die es überall sonst auch gibt. Mitten in der Stadt hat kürzlich das Rowan eröffnet: kein hässlicher Klotz, sondern ein schickes Boutique-Hotel, das zu den Mid-Century-Häusern der Stadt passt und dessen Poolbar auf der Dachterrasse zu einem angesagten Treffpunkt geworden ist. Mittlerweile sind auch die Promis zurück in der Stadt, Leonardo DiCaprio etwa hat kürzlich ein Haus gekauft.

LGBTQ-Gemeinschaft prägt die Stadt

Im ohnehin liberalen Bundesstaat Kalifornien ist diese noch liberalere Stadt entstanden - nicht, weil es jemand so geplant hätte, es ist so passiert, weil die Leute, die hierher kamen, das so entstehen ließen, weil sie edle Restaurants und schicke Bars haben wollten. Die Stadt boomt, es kommen junge und hippe Leute hierher, nicht nur zum Festival Coachella oder zum Tennisturnier im nahegelegenen Indian Wells, sondern das ganze Jahr über.

Wer über die Hauptstraße flaniert, die mit ihren schnuckeligen kleinen Läden so aussieht, als wäre sie extra für das soziale Netzwerk Instagram errichtet worden, der bemerkt, dass die LGBT-Gemeinschaft diese Stadt zwar prägt, aber nicht dominiert. Es begegnen sich Menschen jeden Alters, jeder geschlechtlichen Identifizierung und sexuellen Orientierung. Jeder darf hier so sein, wie er ist, und er muss sich nicht darum kümmern, was die anderen denken.

Der Mann, der am Nachmittag in Jeans-Shorts und Wanderstiefeln vor dem Rathaus getanzt hat, begegnet einem ein paar Stunden später mit Stoffhose, schickem Hemd und Krawatte im Museum. Er erkennt einen, er nickt einem zu und zwinkert mit den Augen. Das Augenzwinkern sagt: Na und?

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