SZ-Serie "Ein Anruf bei ...":"Für die Kojoten gibt es eine Warteliste"

Lesezeit: 3 min

Mal die Ehefrau erschrecken, wenn sie abends nach Hause kommt? Dafür wäre ein geliehenes Krokodil vielleicht ganz nützlich. (Foto: imago images)

Das Naturhistorische Museum in San Diego bietet ein etwas spezielles Ausleihprogramm an: Besucherinnen und Besucher dürfen ausgestopfte Tiere mit nach Hause nehmen. Wozu so ein Stinktier im Wohnzimmer oder ein Krokodil im Badezimmer wohl gut ist?

Interview von Stefan Wagner

Biologielehrkräfte, die für die Schule lebensechtes Anschauungsmaterial benötigen, werden im Naturhistorischen Museum in San Diego ebenso fündig wie Gruselparty-Gastgeber auf der Suche nach ausgefallener Deko: Hier kann man sich ausgestopfte Tiere und weitere Präparate für den Haus- oder Unterrichtsgebrauch ausleihen, mehr als 1000 Objekte stehen zur Auswahl. Ein Angebot für Leute mit seltsamen Vorlieben? Von wegen, sagt Haylie Priest, 29, die das bereits seit 1920 bestehende Leihprogramm leitet.

SZ: Frau Priest, wie bringen Sie Menschen dazu, sich ausgestopfte Schnappschildkröten oder ein Fledermaus-Skelett in

die Wohnung zu holen?

Haylie Priest: Mein Job ist einfach. Die Leute rennen uns die Bude ein. Hier am Naturhistorischen Museum in San Diego haben wir etwa 1300 Objekte zum Ausleihen - und es gibt offenbar fast ebenso viele Gründe dafür, sich einen ausgestopften Pelikan oder ein paar Haifischzähne auszuleihen. Da sind Lehrer dabei, die ihren Schülern Natur plastisch zeigen wollen, Kunstschaffende, die ein Tier zeichnen wollen, Eltern, die ihren Kindern die Tierwelt nahebringen wollen. Es gibt Ranger, die auf Baustellen fahren, um den Arbeitern zu zeigen, auf welche Tiere sie besonders achten sollen. Andere brauchen die Objekte für Firmenevents oder Kindergeburtstage. Ein Ehepaar stellt alle paar Wochen ein anderes Tierpräparat ins Arbeitszimmer, als Hintergrund für Zoom-Calls.

Was kostet es, einen Grizzlyschädel oder einen Pelikan auszuleihen?

Egal, was Sie ausleihen, der Preis ist gleich. 30 Dollar für eine Woche für maximal vier Objekte. Die Jahresmitgliedschaft in unserem Leihprogramm "Nature to You" kostet 100 Dollar im Jahr, das beinhaltet bis zu sieben Objekte für maximal zwei Wochen - so oft man das in einem Jahr will. Theoretisch können Fans also Hunderte unserer Ausstellungsstücke im Jahr ausleihen. Sie müssen sie nur abholen und zurückbringen.

Wo kommen die Tierpräparate her?

Das Museum existiert seit 150 Jahren. Viele unserer Exemplare stammen aus Ausstellungen und wurden dort nicht mehr benötigt oder eingesetzt. Die häufigste Frage, die mir gestellt wird, ist, ob wir die Tiere extra töten, um sie dann zu verleihen. Natürlich tun wir dies nicht! Manche Tierpräparate sind auch schon 80 oder 100 Jahre alt.

Haylie Priest mit einer ausgestopften Riesentafelente. So ein Vogel macht sich doch gut als Hintergrund bei einem Zoom-Call, oder? (Foto: San Diego Natural History Museum)

Welche Objekte sind am beliebtesten?

Unsere Kojoten sind mit Abstand am populärsten. Die Ausleihenden scheinen einfach ein Tier, dem sie schon häufig in ihrem Alltagsleben begegnet sind, aus der Nähe und in Ruhe inspizieren zu wollen. Manche wollen deshalb eben einen Kojoten im Wohnzimmer haben. Wir werden demnächst einen weiteren Kojoten der Kollektion hinzufügen, die anderen beiden sind ständig ausgeliehen. Da gibt es schon eine Warteliste. Um Thanksgiving herum ist der Truthahn sehr beliebt, auch wenn er immerhin einen guten Meter groß ist. Im Winter wollen sich viele einen Pinguin ins Haus stellen, und ewige Halloween-Favoriten sind natürlich Fledermäuse oder alle Arten von Skeletten.

Es gibt aber auch eher abseitige Objekte.

Das liegt im Auge des Betrachters. Aber klar, wir haben auch Vogelfedern, Fossilien, Eier, Schmetterlinge, einen Mammut-Backenzahn, Löwenschädel, eine tolle Schnee-Eule, Bisonhaut, eine Steinsammlung, Termiten, Gipsabdrücke von Tierspuren, in Flüssigkeiten eingelegte Spinnen, eine Kotsammlung ...

Eine Kotsammlung?

Getrockneter Kot von Mäusen, Ratten, Hasen in einer kleinen Glasvitrine. Das klingt eklig, aber hilft bei der Identifizierung, wenn man zum Beispiel rund ums Haus Tierkot findet und wissen will, wer sich da herumtreibt.

Was will das Museum mit der "Bibliothek der toten Tiere" erreichen?

Es ist uns ein Anliegen, den Menschen die Natur nahezubringen. Viel näher als im eigenen Haus geht es wohl nicht. Wenn wir Tiere in der Natur sehen, bleiben sie schließlich nicht stehen, um sich anschauen zu lassen. Es ist auch nicht empfehlenswert, in die Nähe eines gefährlichen Tiers zu kommen. Wenn man unsere Tiere zu Hause hat, kann man sie ganz genau angucken, jede Menge lernen und vielleicht auch ein bisschen der Faszination des Echten erliegen.

Und dieses Konzept geht wirklich auf?

Wir stellen fest, dass die Nachfrage nach den Jahren der Pandemie stark steigt. Wir werden wahrscheinlich dieses Jahr 40 Prozent mehr Menschen erreichen als letztes Jahr. Die Anzahl der ausgeliehenen Objekte ist um 22 Prozent gestiegen. Ich glaube, die meisten haben einfach keine Lust mehr, Bilder und Videos am Computer anzusehen. Es hat schon einen besonderen Zauber, zum Beispiel ein Stinktier dreidimensional in einer Vitrine aus nächster Nähe kennenzulernen - ohne mögliche Nebenwirkungen.

Weitere Folgen der Serie "Ein Anruf bei ..." finden Sie hier .

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