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Erdbeben in Kalifornien:Das Loch von Hollywood

A giant trench is being dug next door to the Capitol Records

Neben dem Capitol Records Building klafft nur ein Loch.

(Foto: Brian van der Brug/Getty)

Wo in Los Angeles Wolkenkratzer entstehen sollten, klafft ein riesiges Loch. Nun streitet Kalifornien: Wer entscheidet, wo angesichts der ständigen Erdbeben-Bedrohung noch gebaut werden darf?

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Ein gewaltiges Loch. Das ist es, was die Leute derzeit sehen, wenn sie in Los Angeles auf dem Hollywood Boulevard in Richtung Westen spazieren, rüber zum Capitol Records Building.

Der legendäre Rundturm sollte mittlerweile flankiert sein von zwei Wolkenkratzern, 46 und 35 Stockwerke hoch, und von zwei kleineren Hochhäusern mit jeweils elf Etagen. Die gibt es jedoch nicht, weil Geologen vermuten, dass sich unter dem Gelände ein paar aktive Ausläufer des Hollywood Fault befinden und für Erdbeben der Stärke 7,0 sorgen könnten - heftige Rüttler, direkt unter der Oberfläche. Statt der neuen glitzernden Skyline in Hollywood gibt es nun also dieses Loch, weil die Leute doch gerne wüssten, wie gefährlich das alles sein könnte.

Klingt erst einmal vernünftig, es geht jedoch um sehr viel mehr: Wer legt fest, was ein aktiver Ausläufer ist und wie gefährlich er werden könnte? Wer bestimmt, ob über den Ausläufern gebaut werden darf - und falls ja, was? Und wer ist verantwortlich für die Sicherheit und damit natürlich für die Kosten dieser Gebäude - und aller bereits existierenden?

Die Beantwortung dieser Fragen dürfte gravierende Konsequenzen für Kalifornien haben. Die Menschen hier gehen grundsätzlich recht gelassen mit der Gefahr durch Erdbeben um. Ja, The Big One ist überfällig, es rüttelt fast jeden Tag ein kleines bisschen - na und? Es gibt einen Witz, demzufolge die Kalifornier eher auf Regen als auf Erdbeben panisch reagieren würden. Er ist wahr.

Die schärfsten Gesetze zum Erdbebenschutz seit 30 Jahren

Bundesstaatliche Gesetze verbieten den Bau von Gebäuden über Verwerfungen, die endgültige Entscheidung obliegt jedoch den Städten. Eric Garcetti, Bürgermeister von Los Angeles, hat die schärfsten Gesetze zum Erdbebenschutz seit 30 Jahren erlassen - darunter eine Regelung, dass die Eigentümer der Gebäude (auch bestehender) dafür verantwortlich sind, diese Immobilien erdbebensicher zu machen. Geologen sind begeistert, Hochhaus-Eigentümer weniger. Auch darum geht es in diesem Streit.

Geht es nach der New Yorker Firma Millennium Partners, sieht das Gelände um den Rundturm Capitol Records Building bald so aus.

(Foto: Shimhara)

Die New Yorker Firma Millennium Partners will die vier Hochhäuser in Hollywood bauen, in denen mehr als 1000 Wohnungen, ein Hotel mit 220 Zimmern sowie insgesamt 3000 Quadratmeter für Restaurants und Shops entstehen sollen. Sie behauptet, dass sich die Ausläufer unter dem Gelände seit Jahrhunderten nicht bewegt hätten, und sie hatte dafür schon vor Jahren ein Loch gegraben - ein viel kleineres als das, das nun zu bestaunen ist.

Die Behörde California Geological Survey (CGS) weist die Erkenntnisse zurück; der Konzern habe nichts gefunden, weil er nicht wirklich gesucht habe. Es hilft Millennium Partners bei der Debatte nicht, dass die Firma 2009 in San Francisco einen 350-Millionen-Dollar-Turm errichtet hatte, der sich zur Seite neigte und absank.

"Unseren Studien zufolge gibt es einen aktiven Graben, sie zeigen sogar, dass unter dem Gelände mehrere Ausläufer des Hollywood Fault liegen dürften", heißt es in einem CGS-Statement. Mit Hollywood Fault wird eine gut 15 Kilometer lange tektonische Zerreiß- oder Bruchstelle im Gestein bezeichnet. Im direkten Gespräch will sich die Behörde aktuell nicht äußern. Die Stadt hat nun angeordnet, ein neues Loch zu graben (die CGS hatte zwei gefordert) und sowohl die Geologen als auch Experten von Millennium Partners forschen zu lassen.

Entscheidungen mit gravierende Konsequenzen

Und nun wird es interessant: Am Ende wird alleine die Stadt Los Angeles darüber entscheiden, ob die Hochhäuser entstehen dürfen, sie muss sich nicht an die Erkenntnisse der bundesstaatlichen Behörde halten; sie kann sogar anordnen, dass auf einem erwiesenermaßen aktiven Ausläufer gebaut werden darf.

Die Entscheidung ist deshalb so bedeutsam, weil fast alle kalifornischen Städte dem Bürgermeister von Los Angeles folgen und es noch nie einen derart erbitterten Streit um einen Wolkenkratzer gegeben hat. Garcetti hat sich mit seinen strengen Gesetzen, deretwegen im Stadtzentrum Tausende Gebäude verbessert werden müssen, den Ruf erarbeitet, dass er Erdbeben sehr ernst nimmt.

In Huntington Beach ist ein Einkaufszentrum abgerissen worden, weil es über einer Verwerfung gelegen hatte, es wurde abseits des Grabens neu errichtet. In San Bernadino wurden Uni-Gebäude zerstört, in Signal Hill Häuser erst gar nicht gebaut. Garcettis Meinung dürfte also gravierende Konsequenzen haben - für Hochhausbauer, Städte und die Behörde. Eine Entscheidung für die CGS-Vorschläge würde etwa diese immens stärken.

Die Stadt will allerdings die Gebäude, sie erhofft sich dadurch eine Belebung des an manchen Orten doch sehr altmodischen und bisweilen heruntergekommenen Hollywoods. Sie will aber kein Hochhaus erlauben, das auf zwei Seiten einer Verwerfung steht und bei einem Erdbeben einstürzen würde. "Es geht nicht darum, wer was will", sagt Garcetti deshalb recht diplomatisch. "Wir werden die Studien beider Seiten in Betracht ziehen, ich werde mich zudem von den Behörden der Stadt beraten lassen."

Es wird also weiter geforscht - wie übrigens schon seit acht Jahren, als die CGS zum ersten Mal einen Ausläufer des Hollywood Fault dort vermutet hatte. Eine Entscheidung wird frühestens im Sommer erwartet.

Das Loch auf dem Weg vom Hollywood Boulevard zum Capitol Records Building, es dürfte also noch ein bisschen bleiben.

© SZ/afis
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