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Kältewelle in Europa:In eisigem Griff

Dutzende Menschen im Osten Europas hat die Kälte bereits das Leben gekostet. Während die Bevölkerung leidet, spielt die ukrainische Regierung die dramatische Lage herunter - und Moskau versucht gar, die Minusgrade für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Indes steht der Kältetiefpunkt hierzulande noch bevor.

Überblick.

Während der Osten Europas schon seit einer Woche unter extremen Minusgraden leidet, haben die eiskalten Luftmassen aus Sibirien nun auch Deutschland erreicht. Eine Übersicht über die Lage in den einzelnen Ländern.

Bei Temperaturen von minus 17 Grad versucht sich dieser junge Mann in Kiew mit einem ins Gesicht gezogenen Schal vor der beißenden Kälte zu schützen.

(Foto: AFP)

[] Deutschland

Der Kältetiefpunkt hierzulande ist fast erreicht: In den Nächten zum Freitag und Samstag erwartet der Deutsche Wetterdienst (DWD) die niedrigsten Temperaturen. In manchen Städten wurden bereits in der vergangenen Nacht zweistellige Minusgrade gemessen. In Marienberg im Erzgebirge registrierte der DWD minus 20,6 Grad. Im Osten sei es "deutlich kälter", berichtet Meteorologe Helmut Malewski. Rund um Berlin seien minus 15 Grad gemessen worden, im Westen um die minus zehn, minus neun Grad. "Das ist quasi schon warm." Besserung ist vorerst nicht in Sicht - in den kommenden Tagen strömt weiter eisige Luft von Osten nach Deutschland.

Während die Kälte für die meisten Bundesbürger einfach nur unangenehm ist, bedeuten die Minusgrade für ältere Menschen eine Gefahr für Gesundheit und Leben: In Niedersachsen wurde am Donnerstagmorgen auf einem Feldweg die Leiche eines 69-jährigen gehbehinderten Mannes gefunden. Und auch für Obdachlose sind die derzeitigen Außentemperaturen lebensgefährlich: In Magedeburg starb ein 55-Jähriger vermutlich an Unterkühlung. Der Mann hatte die Nacht offenbar im Freien verbracht.

In Berlin ist die Kältehilfe im Dauereinsatz: Die Nachfrage nach Notunterkünften sei rasant gestiegen, sagte eine Sprecherin der Berliner Stadtmission. Zwischen 170 und 180 Obdachlose kämen pro Nacht allein zur größten Unterkunft in der Lehrter Straße in Berlin-Mitte. Der "Wärmebus" des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Berlin, der Menschen ohne Bleibe mit warmer Kleidung versorgt oder sie zu den Sammelunterkünften bringt, werde ebenfalls öfter gerufen, sagte ein DRK-Sprecher. Seit 1. November habe es 283 Fahrten gegeben. In der vergangenen Saison waren es von November bis März insgesamt 320. Zur weiteren Versorgung obdachloser Menschen sei die Hilfsorganisation auf Spenden wie Isomatten, Schlafsäcke und Schuhe angewiesen.

[] Österreich

In einem kleinen Ort südlich von Wien ist am Mittwoch eine 83 Jahre Frau infolge der Kälte ums Leben gekommen. Nach Angaben der Polizei brach sie wie fast täglich gegen 14 Uhr zu einem kleinen Fußmarsch auf. Als sie nach zwei Stunden noch immer nicht zurückgekehrt war, wurde sie als vermisst gemeldet. Am späten Mittwochnachmittag wurde dann ihre Leiche entdeckt: Offenbar war die 83-Jährige gestürzt und bei Temperaturen von minus neun Grad trotz warmer Winterkleidung erfroren.

[] Polen

In Polen sind allein in der vergangenen Nacht neun Menschen an den Folgen der Kälte gestorben. Das teilte das Warschauer Innenministerium mit. Innerhalb einer Woche erfroren in Deutschlands östlichem Nachbarland damit 29 Menschen. Die meisten der Opfer sind Obdachlose. Innenminister Jacek Cichocki rief die Bevölkerung am Donnerstag im Rundfunksender Radio Zet auf, schlafende Obdachlose an Haltestellen oder in Treppenhäusern nicht einfach zu ignorieren. "Jetzt ist der Moment, wo von unserer Sensibilität und Solidarität Menschenleben abhängen", sagte Cichocki.

[] Serbien

In Serbien sind nach heftigen Schneefällen und Stürmen bis zu 11.000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Die Dorfbewohner in abgelegenen Bergregionen seien wegen vereister und verschneiter Straßen nicht zu erreichen, sagte ein Sprecher der Bereitschaftspolizei. Etwa 6500 Haushalte sind demzufolge betroffen. Es werde mit Hochdruck daran gearbeitet, die Straßen zu räumen, um die Bevölkerung zu versorgen.

[] Ukraine

Auch in der Ukraine sind infolge der extremen Minustemperaturen von bis zu 30 Grad unter null bereits Dutzende Menschen gestorben. Bislang gebe es 63 Kältetote, teilte das Zivilschutzministerium mit. Viele der Erfrorenen sind auch hier Obdachlose. Der Behörde zufolge wurden in den vergangenen sechs Tagen mehr als 900 Menschen wegen Erfrierungen und Unterkühlungen in Krankenhäuser gebracht. Die Zahl der Wärmestuben stieg auf mehr als 2000.

Während es in den Medien heißt, die Lage werde zunehmend dramatischer, wiegelt die Regierung ab. Ministerpräsident Nikolai Asarow rief seine Landsleute dazu auf, Ruhe zu bewahren. Das Land sei auf "diese Herausforderung vorbereitet", sagte Asarow einem Bericht der Nachrichtenagentur Unian zufolge. Es seien ausreichende Reserven an Gas und Kohle vorhanden, um die Wärmeversorgung der Bevölkerung zu garantieren. Zudem seien in allen Regionen Notfallprogramme angelaufen, die bei technischen Störungen schnelle Hilfe garantierten.

In der Ex-Sowjetrepublik leben viele Menschen unter ärmlichsten Bedingungen. Nach offiziellen Angaben gibt es etwa 100.000 Obdachlose, inoffizielle Quellen geben die Zahl der Menschen ohne Bleibe jedoch mit 300.000 Menschen an.

[] Rumänien

Dem rumänischen Gesundheitsministerium zufolge sind dort in den vergangenen 24 Stunden acht Menschen erfroren. Die Gesamtzahl der Kältetoten stieg damit auf 22. In der Nacht herrschten in der nordostrumänischen Stadt Radauti Temperaturen von minus 31 Grad. In Südostrumänien tobten erneut Schneestürme. Teile der Autobahn von Bukarest zum Schwarzen Meer wurden vorsichtshalber gesperrt. Dutzende Züge fielen aus.

[] Russland

Die Regierung in Moskau versucht, die Minustemperaturen mittlerweile für ihre Zwecke zu instrumentalisieren: Russlands oberster Amtsarzt hat seinen Landsleuten davon abgeraten, im Freien zu demonstrieren. Nachdem Gennadi Onischtschenko im Dezember schon einmal versucht hatte, die Menschen mit Warnungen vor Grippeviren von Protesten gegen Regierungschef Wladimir Putin abzuhalten, verwies er am Donnerstag schlicht auf die Kälte. Mit Temperaturen von minus 18 Grad Celsius seien die Vorhersagen für Samstag "äußerst ungünstig", sagte der Chef der russischen Gesundheitsbehörden der Nachrichtenagentur Interfax. Er rate "grundsätzlich" davon ab, zu einer Demonstration zu gehen.

Die Führung in Moskau sieht sich seit der umstrittenen Parlamentswahl im Dezember mit der größten Protestbewegung seit 2000 konfrontiert, als Putin das erste Mal Staatschef wurde. Für Samstag hat die Opposition zu neuen Massenprotesten aufgerufen, zu denen Zehntausende Menschen erwartet werden.

[] Baltikum

In Estland wurden in den Kleinstädten Jõgeva und Korela im Osten minus 29,4 Grad gemessen. In Lettland wurde am Donnerstagmorgen in der Region Zoseni mit minus 30,7 Grad der bisherige Kälterekord für den 2. Februar aus dem Jahr 1976 übertroffen, teilten lokale Wetterinstitute mit. Auch am internationalen Flughafen Riga zeigte das Thermometer mit minus 23,8 Grad einen neuen Tiefstwert für die lettische Hauptstadt an. Einschränkungen für den Flugverkehr wurden aber nicht erwartet. In Litauen ließ die eisige Kälte von minus 26 Grad in der Hauptstadt Vilnius am Donnerstagmorgen Wasserrohre bersten. Die Rettungskräfte hätten die Situation aber unter Kontrolle, berichteten lokale Medien.

[] Italien

In Italien hat der Wintereinbruch für Behinderungen und Chaos auf den Verkehrswegen gesorgt. Zwei Züge, die von Mailand aus in den Süden fahren sollten, blieben fast die ganze Nacht über bei Forli in der Region Romagna stecken. Sie konnten erst am Morgen mit fast zehnstündiger Verspätung ihre Reise nach Pescara und Ancona fortsetzen. Die Staatsbahn teilte mit, alle Zuglinien seien offen, gefahren werde jedoch nach einem "Schnee-Plan" mit weniger Zügen. Die Metropole Mailand wird derzeit mit reduziertem Flugplan angeflogen. In der Emilia-Romagna und in der Toskana waren mehrere Straßen gesperrt, nachdem sich Lastwagen quergestellt hatten.

Freuen konnten sich die Schüler in Norditalien: In einer Reihe von Gemeinden fiel wetterbedingt der Unterricht aus. An der südlichen Adria lag am Donnerstagmorgen Schnee, was dort sehr selten ist.

© Süddeutsche.de/dpa/dapd/AFP/Reuters/jobr/tina
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