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Kälte stürzt Großbritannien in Verkehrschaos:Verfluchte Flocke

Ein paar Zentimeter Schnee und zwölf Grad unter null: Was verglichen mit anderen Gegenden Europas harmlos klingt, reicht in Großbritannien aus, um die ganze Insel lahmzulegen. Besonders empfindlich treffen die Behinderungen Flugpassagiere am Drehkreuz Heathrow - obwohl es dort inzwischen 185 Schneeräumer gibt.

Christian Zaschke, London

Auch am Montag galt in Großbritannien noch die zweithöchste Warnstufe wegen des "strengen Wetters". Die Vorhersagen warnen vor einer chaotischen Woche, unter anderem mit Eis auf den Straßen. Die Temperaturen, so heißt es, könnten immer wieder unter null Grad sinken. Es ist in jedem Winter wieder erstaunlich, wie unvorbereitet das Land auf die - stets plötzlich und unerwartet auftretende - Kälte reagiert.

Blockierte Straßen, verspätete Züge, ausgefallene Flüge: Ein paar Schneeflocken reichen, um in Großbritannien ein winterliches Verkehrschaos auszulösen.

(Foto: AFP)

In diesem Jahr wirken die Zustände beinahe grotesk, da der Kontinent tatsächlich einen Winter der Extreme erlebt - in London hingegen herrschten am Montag Temperaturen von zwei Grad, das bisschen Restschnee vom Wochenende schmolz vor sich hin. Es war mehr oder weniger ein Tag wieder jeder andere, und doch galt die zweithöchste Warnstufe.

Das lag daran, dass es in manchen Regionen in der Tat ein wenig kälter war. Das Boulevardblatt Daily Express berichtete am Montag besorgt, es sei in Teilen Großbritanniens "kälter als in der Arktis". Die Zeitung berief sich darauf, dass man am kältesten Punkt in Suffolk des Nachts minus zwölf Grad gemessen habe, dass aber im norwegischen Tromsö, das gewissermaßen in der Nähe der Arktis liegt, das Thermometer einmal bis auf Minus acht Grad gestiegen sei.

Im Vergleich zu den Temperaturen in Teilen Osteuropas mögen auch minus zwölf Grad noch harmlos klingen, aber in Großbritannien brach wieder Chaos aus. Flüge fielen aus, Züge fuhren nicht oder deutlich langsamer, auf den Autobahnen bildeten sich riesige Staus. Der Automobilclub RAC spricht von einem "gefährlichen Cocktail an Straßenverhältnissen".

Auch am Montag kam es auf der Autobahn A1, die London mit Edinburgh verbindet, zu kilometerlangen Staus. Nachdem sich einige Lkws quergestellt hatten, ging in manchen Abschnitten stundenlang nichts mehr. Gleiches war bereits am Wochenende auf anderen Straßen passiert; manche Autofahrer ließen ihre Wagen einfach stehen. Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Es fielen am Wochenende in den meisten Gegenden lediglich sieben bis acht Zentimeter Schnee, das Maximum waren 15 Zentimeter.

Chaos trotz "best-case scenario"

Zudem waren die Schneefälle seit Tagen angekündigt. Und es trat ein, was auf der Insel das "best-case scenario" genannt wurde, der Idealfall: Da es bereits am Samstag schneite, war am Sonntag genügend Zeit, Straßen zu räumen, sodass im Grunde am Montag wieder alles hätte reibungslos laufen sollen. Doch aus irgendeinem Grunde klappte das nicht wie geplant, obwohl Großbritannien sich diesmal viel besser vorbereitet wähnte.

Im vergangenen Winter hatten 30 Zentimeter Schnee das Land kurzzeitig so gut wie lahmgelegt. Am Londoner Flughafen Heathrow herrschte Ende 2010 fünf Tage lang ein Chaos ohne Beispiel: 4000 Flüge wurden abgesagt, 10.000 Menschen campierten in den Terminalgebäuden, die Fluggesellschaften verloren Dutzende von Millionen Pfund, der Schaden für die Gesamtwirtschaft war unermesslich höher. Die Betreibergesellschaft des Flughafens (BAA) hatte argumentiert, es lohne sich nicht, weitere Schneeräumer zu kaufen, weil es ja insgesamt doch eher selten schneie. Nachdem diese Ansicht zu einiger Verstimmung geführt hatte, stockte die BAA ihre Flotte für mehr als 30 Millionen Pfund auf, es gibt in Heathrow nun 185 Schneeräumer.

Flugzeuge bleiben am Boden

Doch bereits am Samstag sagte Heathrow ein Drittel aller für Sonntag geplanten Flüge ab, bevor eine einzige Flocke vom Himmel gefallen war - als Vorsichtsmaßnahme. Am Sonntag fiel die Hälfte aller Flüge aus (rund 600), am Montag wurden noch 40 Flüge annulliert. Der Riesenflughafen Heathrow verfügt über lediglich zwei Start- und Landebahnen, deshalb sind die Flüge extrem knapp getaktet. Es reicht die kleinste äußere Einflussnahme, um alles durcheinanderzubringen.

Es wird erwartet, dass sich der Verkehr in Großbritannien in den kommenden Tagen normalisiert. Streufahrzeuge bedecken die Straßen mit Schotter, die meisten eingefrorenen Weichen auf den Zugstrecken funktionieren wieder, und bis Mittwoch soll auch Heathrow alle Flüge abgearbeitet haben. Was Reisende im Land allerdings ein wenig beunruhigen könnte: Für den Norden des Landes wird dichter Nebel vorausgesagt.

© SZ vom 07.02.2012/leja

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