Kälteempfinden:"Wir finden alles unangenehm, was bei weniger als 15 Grad liegt"

beautiful winter young woman playing with snow. (Satura)

Wichtigstes Mittel gegen die Kälte: eine Mütze tragen - denn die Wärme geht vor allem über den Kopf verloren

(Foto: imago images)

Warum Frauen schneller frieren, wie man sein Kälteempfinden trainieren kann und warum eine Mütze immer hilft, erklärt der Physiologe Hanns-Christian Gunga.

Interview von Veronika Wulf

Es wird noch einmal kalt in Deutschland. Schneemassen haben vor allem in der Mitte des Landes vielerorts den Verkehr lahmgelegt. Der Deutsche Wetterdienst sagt für manche Orte Temperaturen von minus 15 bis minus 20 Grad voraus. Ab wann der Mensch friert und was er dagegen tun kann, erklärt Physiologe Hanns-Christian Gunga.

SZ: Herr Gunga, noch ist es in Süddeutschland vergleichsweise mild, in München etwa vier Grad. Ich muss sagen: Mir ist trotzdem kalt.

Hanns-Christian Gunga: Das hängt natürlich davon ab, wie Sie gekleidet sind, ob Sie ein Mann oder eine Frau sind und was Sie körperlich tun. In Daunenkleidung können Menschen auch minus 50 Grad auf dem Mount Everest aushalten. Aber jetzt mit normaler Sommerbekleidung rauszugehen, dürfte sehr unangenehm sein, weil der Mensch von Natur aus relativ wenig Möglichkeiten hat, seine Körperkerntemperatur konstant zu halten. Die einzige Schutzmaßnahme, die wir haben, ist die Durchblutung.

Inwiefern?

In der Sauna etwa öffnen sich die Hautgefäße, und wenn Sie dann in ein Tauchbecken steigen, verengen sie sich schlagartig. Die neuronale Verarbeitung des Kältereizes ist so trainierbar. Das wird übrigens nicht vererbt. Wenn ich mich jeden Tag in ein Eisbad setze, heißt das nicht automatisch, dass meine Söhne das auch können. Es gibt aber verschiedene Körperbautypen in verschiedenen Regionen der Welt: Menschen, die in den Polargebieten leben, sind tendenziell kleiner und runder und haben dadurch einen besseren Schutz vor der Kälte als Menschen in äquatorialen Gebieten. Da hat die Evolution ein bisschen nachgeholfen.

Warum frieren Frauen oft schneller als Männer?

Weil Frauen durchschnittlich weniger Muskelmasse haben. Beim Mann sind es normalerweise etwa 40 Prozent, bei der Frau zehn bis 15 Prozent weniger - natürlich gibt es Ausnahmen. Bei der Anregung der Muskelzelle fällt Wärme ab. Außerdem kommt hinzu, dass Männer in der Regel eine deutlich dickere Haut haben, die sich als Schutzschicht bemerkbar macht. Frauen haben zwar in der Regel zehn oder 15 Prozent mehr Fettmasse, was den charmanten Effekt hat, dass sie isoliert. Aber das reicht nicht aus.

Hanns-Christian Gunga

Hanns-Christian Gunga, 66, erforscht die Belastungen des Menschen in physiologischer und psychischer in extremen Umwelten und im Weltraum.

(Foto: privat)

Wer hält es also länger im Eisbad aus: ein muskulöser oder ein dicker Mann?

Der Dicke, weil nur die Fettmasse verhindert, Körperwärme zu verlieren. Wenn Sie einen Muskulösen ins Eiswasser stecken und der fängt an, da rumzuturnen, dann produziert er durch die stärkere Bewegung zwar mehr Wärme, aber er gibt diese auch extrem schnell ab, weil er kein Fett drumherum hat. Klassisches Beispiel aus der Geschichte der Thermophysiologie zum Überleben: der Bäcker auf der Titanic. Der soll deutlich adipös gewesen sein und war einer der Letzten, die man lebend aus dem Eiswasser gezogen hat.

Ab wann ist unsere Wohlfühltemperatur unterschritten?

Wir finden alles unangenehm, was bei weniger als 15 Grad liegt. Denn wir haben ein ganz enges Fenster: Unser Körperkern, also Lunge, Herz, Niere, Gehirn, muss 36,5 Grad haben. Wenn diese Organe auch nur ein Grad weniger haben, dann nimmt die Leistungsfähigkeit ab. Bei 32 Grad geht es ins Komatöse, und bei 28 Grad ist sowieso Schluss, da kommt es zu Herz-Rhythmus-Störungen. Der Körper ist elementar darauf angewiesen, die Temperatur auf ein Grad genau konstant zu halten.

Wo friert man am schnellsten?

Wir haben die höchste Dichte an Kaltrezeptoren in unserer Haut im Bereich des Halses. Deshalb haben wir den Reflex, die Schultern hochzuziehen und den Hals dadurch kürzer zu machen. Oder eben einen Schal umzulegen. 30 Prozent unserer Wärmeabgabe geschehen zudem über den Kopf. Die Gefäße dort sind kaum zu verengen, um den Wärmeabfluss zu verringern, die Wärme wird also abgestrahlt. Der Kopf sollte immer bedeckt sein. Fahren Sie nach Russland, da sagen die Leute: Jeder ist dumm, der dort ohne Fellmütze draußen rumläuft.

Was hilft noch gegen Kälte?

Das, was auch die Pinguine machen: Die rotten sich zusammen. Wenn wir das nicht können, sollten wir uns zusammenrollen. Je kleiner die Oberfläche, desto weniger Wärmeverlust.

Nicht bewegen?

Bewegung ist nur dann gut, wenn Sie etwas haben, das Sie schützt, etwa Kleidung. Andernfalls werden Sie sehr schnell Wärme verlieren, so wie der Muskulöse im Eisbad.

Ab welcher Temperatur tragen Sie denn Mütze?

Sobald es nass ist. Wenn es Schneeregen oder Regen hat bei fünf oder zehn Grad, dann ist bei mir schon der Ofen aus. Da bin ich überhaupt kein Held.

© SZ/lot
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