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JVA Berlin:"Zufällige Häufung"

Drei Suizide innerhalb von vier Wochen: In Berliner Gefängnissen haben die Justizbediensteten wieder nicht verhindern können, dass sich ein Häftling umgebracht hat.

A. Bischof

Wenn es Nacht wird, müssen alle Häftlinge der Justizvollzugsanstalt zurück in ihre Zellen. Der Schlüssel dreht sich im Schloss und am nächsten Tag wird wieder aufgeschlossen. Zum dritten Mal innerhalb von vier Wochen wurde in Berliner Gefängnissen nun erst morgens beim Aufschließen bemerkt, dass sich ein Häftling selbst getötet hatte. Justizsprecher Bernhard Schodrowski sagt, dass Häftlinge, die sich ernsthaft in den Kopf gesetzt hätten, sich umzubringen, daran schlicht nicht gehindert werden könnten.

In Berlin hat sich zum dritten Mal innerhalb von vier Wochen ein Häftling das Leben genommen.

(Foto: Foto: dpa)

"Kontrollen in den Zellen werden nur durchgeführt, wenn ein Insasse beispielsweise Drogen in der Zelle haben könnte", erklärt Bernhard Schodrowski, der Sprecher der Berliner Justiz. "Eine regelmäßige Durchsuchung der Zellen bringt in Hinsicht auf die Suizidgefahr überhaupt nichts. Es gehört nun einmal zur Menschenwürde, dass die Insassen nicht ohne Laken schlafen und ohne Messer ein Brot schmieren müssen und dass man nicht ständig in die Zelle platzen und dort Licht anmachen kann. Wir können die Leute nicht rund um die Uhr überwachen, wenn es keinen Hinweis auf eine mögliche Selbstmordgefährdung gibt."

Suizidgefährdung war bekannt

Eine Selbstmordgefährdung soll in dem jüngsten Fall allerdings bekannt gewesen sein, so die Nachrichtenagentur dpa: Der 45-jährige Mann soll in einer früheren Vernehmung gesagt haben, dass er sich Alkohol und Tabletten besorgt habe, um sich das Leben zu nehmen. Der Karatelehrer soll seine 24-jährige Freundin mit einem Kampfstock totgeprügelt haben und hätte wegen Todes durch Unterlassen und Körperverletzung mit Todesfolge am Montag zum zweiten Mal vor Gericht erscheinen müssen. Der Mann, der sich in der Nacht zum Montag in seiner Zelle erhängte, soll damals - laut eigener Aussage - nach der Tat zwei Tage lang apathisch neben der Leiche verharrt und sich den Tod gewünscht haben. Auch einem Sportschüler, der später die Polizei alarmierte, soll der 45-Jährige am Telefon von Selbstmordabsichten erzählt haben.

Der Justizsprecher gibt zu: "Wir wussten um die Suizidgefahr und haben den Mann dann von Mai bis Anfang September besonders beobachtet. Weil er sich aber als Hausarbeiter im gelockerten Vollzug in den Tagesablauf der Gemeinschaft gut integriert hat und sich nicht mehr auffällig gezeigt hat, haben wir die besondere Beobachtung eingestellt" - so die unbürokratische Entscheidung eines mehrköpfigen Teams sozialpädagogisch geschulter Justizvollzugsbeamter.

Dass in dem Gefängnis in Moabit, in dem es zu dem Vorfall kam, derzeit krankheitsbedingt nur eineinhalb Psychologenstellen für die 1067 Häftlinge besetzt sind, damit habe der jüngste Selbstmord von Sonntagnacht nichts zu tun. Die Psychologen seien nur im Ausnahmefall für die Krisenintervention zuständig, und sonst vor allem dafür, mit den Häftlingen deren Taten und die Erlebnisse in der Haft aufzuarbeiten.

"Die Leute entgehen den Betreuern nicht"

In Berlin setzt man bei der Klärung psychischer Auffälligkeiten vor allem auf ein klärendes Aufnahmegespräch: Ob ein Häftling suizidgefährdet ist, das soll schon vor der Aufnahme festgestellt werden. "Wir müssen schon bevor jemand zu uns kommt, feststellen, ob derjenige auffällig oder gar suizidgefährdet ist und haben dafür einen speziell entwickelten Fragebogen. Diese Aufnahmefragebogen nehmen wir sehr ernst", sagt Justizsprecher Bernhard Schodrowski. Wenn das nicht der Fall sei, dann könne man sich darauf verlassen, dass eine Veränderung im Wesen eines Häftlings im täglichen Umgang bemerkt werde. "Die Leute entgehen ihren Betreuern nicht. Justizbedienstete sind heute keine einfachen Schließer mehr, sondern sichern und betreuen die Häftlinge."

Und trotzdem hat niemand etwas bemerkt, auch wenn dem gesamten Personal bekannt ist, "dass es vor Prozessbeginn und an Prozesstagen häufiger zu Auffälligkeiten bei den Häftlingen kommt", wie es der Justizsprecher formuliert. Auf die Frage, ob man nicht durch die geschlossene Tür Erstickungsgeräusche hören könne, wenn ein Häftling sich das Bettlaken um den Hals geschlungen und es an der Decke befestigt hat, antwortet Schodrowski: "Man steht ja nicht die ganze Nacht auf dem Gang und kann auch nicht vor jeder Türe sein."

Laut Schodrowski sollen in der JVA Moabit 52 Bedienstete für je 100 Gefangene zuständig sein, inklusive aller Raumpfleger, Köche, Sekretärinnen und sonstigen Mitarbeiter. Die Zahl der sozialpädagogisch geschulten Vollzugsbeamten ist deutlich geringer: 22 sind es für alle 1067 Häftlinge. Er wehrt sich gegen die Vermutung, dass es in großen Gefängnissen häufiger zu Selbstmorden komme und dass die Justizbediensteten von ihrer Aufgabe überfordert seien. "Wir müssen zwar mit weniger Personal klarkommen als noch vor zehn oder zwölf Jahren", erklärt Schodrowski. "Doch die Häufung der Selbstmorde in diesem Monat ist aus unserer Sicht zwar tragisch, aber zufällig."

Aufarbeitung im Gefängnis

Wie der Selbstmord eines Häftlings an dem Ort, an dem er passiert ist, verarbeitet wird, dazu kann der Justizsprecher nur so viel sagen: "Es wird sofort Kontakt zu den Insassen gesucht, um zu sehen, wie die Stimmung ist. Wir müssen die Fälle ja aufarbeiten. Zu jedem Einzelfall versuchten oder verübten Selbstmords gibt es Konferenzen, in denen das betroffene Personal dieses tragische Ereignis aufarbeitet."

Erst in der vergangenen Woche hatte sich ein 68-Jähriger im Untersuchungsgefängnis das Leben genommen, der versucht haben soll, seine Frau und seine Ex-Frau umzubringen. Vor vier Wochen hatte sich ein 20-Jähriger getötet, der wegen versuchter Erpressung des Internet-Netzwerks Schüler-VZ in Haft saß.

© sueddeutsche.de/dpa/abis/segi
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