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Justiz:Ronaldinhos falscher Pass

Judge rules Ronaldinho must remain in Paraguayan jail

Die Handschellen unter einem rosa Tuch verborgen: Ronaldinho wird in Asunción abgeführt.

(Foto: Jorge Adorno/Reuters)

Brasiliens Fußball-Idol Ronaldinho sitzt in Paraguay wegen eines gefälschten Ausweises in Untersuchungshaft. Sein Anwalt begründet das mit "Dummheit".

Nur wenige Fußballer haben ihren Anhängern so oft ein Lächeln geschenkt wie Ronaldinho Gaúcho. Garrincha vielleicht, der viel zu früh verstorbene Weltmeister von 1958 und 1962, der ähnlich wie Ronaldinho, Weltmeister von 2002, Gegenspieler in einer Weise narrte, dass es eine slapstickreife Gaudi war. Am Samstag gab es Reporter, die über die Wange des Ronaldinho eine Träne kullern sahen. Inmitten eines Blitzlichtgewitters, verfolgt von Kameraleuten, umlagert von Journalisten, wurde er in den Justizpalast der paraguayischen Hauptstadt Asunción geführt - die Unterarme unter einer rosa Decke verborgen, auf dass man die Handschellen nicht sehe.

Kurz darauf ordnete eine Untersuchungsrichterin namens Clara Ruiz an, Ronaldinho bis auf Weiteres in ein Hochsicherheitsgefängnis zu stecken, für die Dauer von maximal sechs Monaten gilt ein Untersuchungshaftbefehl. Der Grund: Zusammen mit seinem Bruder und Manager Roberto de Assis habe er einen Anschlag auf "die Interessen der Republik" verübt; "Fluchtgefahr" müsse bejaht werden, da sie keinen Wohnsitz im Lande haben: "Sie sind illegal eingereist und halten sich illegal (in Paraguay) auf". Eine wirklich bizarre Geschichte.

Ronaldinho, 39, war Mitte vergangener Woche in Paraguay eingereist. Ursprünglich sollte er an einer PR-Aktion für ein Casino teilnehmen, später sollte ein Benefiz-Event dazukommen, und auch der Bürgermeister von Asunción freute sich auf der Homepage der Stadt auf den "Ehrenbesucher". Der Eintrag ist mittlerweile verschwunden. Denn wie sich herausgestellt hat, präsentierte Ronaldinho den Grenzbehörden am Flughafen in Asunción einen gefälschten paraguayischen Reisepass, der ursprünglich auf den Namen einer Frau ausgestellt worden war. Warum?

Ronaldinhos Anwalt Adolfo Marín versicherte, dass der Ex-Fußballer über gültige brasilianische Papiere verfügt. Andererseits: Erst vor wenigen Monaten wurde noch darüber gewitzelt, dass die brasilianischen Behörden Ronaldinho den Reisepass abgenommen hatten - und die Regierung des faschistoiden Präsidenten Jair Bolsonaro ihn dennoch zum Tourismusbotschafter machten, als Dank für die Unterstützung im Wahlkampf 2018. Die Papiere wurden Ronaldinho abgenommen, weil er eine millionenschwere Geldstrafe wegen Bausünden, zu der er vor Jahren von einem Gericht verurteilt worden war, immer noch nicht bezahlt hatte. Wie auch immer: Offen ist dennoch, warum Ronaldinho mit paraguayischen Papieren in Asunción angetroffen wurde.

Auch die Chefin der Stiftung "Engelhafte Brüderlichkeit" wurde festgenommen

Nun müssen paraguayische Grenzbeamte nicht besser sein als britische, die Ronaldinho vor Jahren durchließen, obwohl er seinen Reisepass zu Hause liegen lassen hatte, als er mit dem FC Barcelona zu einem Freundschaftsspiel aufschlug. Das ist unverkennbar Ronaldinho, sagte laut Zeugen der britische Beamte, machte ein Selfie mit dem Brasilianer und ließ ihn passieren. Derlei könnte auch bei der Einreise in Asunción passiert sein. Aber was danach passierte, passt nicht so richtig dazu. Denn erst wurde Ronaldinho sehr öffentlichkeitswirksam in seinem Fünf-Sterne-Hotel in Paraguay festgesetzt, die Behörden machten sofort die Bilder der Razzia öffentlich. Und nun wird in Paraguay längst nicht mehr nur gegen Ronaldinho und seinen Bruder Roberto ermittelt. Die Affäre zieht viel weitere, undurchsichtige Kreise.

Denn: Ein Haftbefehl erging auch gegen eine gewisse Dalia López, die Chefin einer Stiftung mit dem klerikal anmutenden Namen Fraternidad Angelical ("Engelhafte Brüderlichkeit"). Sie ist im Visier der Steuerbehörden, weil sie umgerechnet 8,8 Millionen Euro hinterzogen haben soll; eine auf Geldwäschedelikte spezialisierte Einheit fühlt sich auch auf den Plan gerufen.

Der zwischenzeitlich ebenfalls verhaftete brasilianische Unternehmer Wilondes Sousa, der den Ronaldinho-Trip nach Paraguay mit López eingefädelt hatte, beschuldigte seine Geschäftspartnerin gegenüber der Staatsanwaltschaft, die falschen Pässe besorgt zu haben. Ihr Ehemann Luis Gauto wiederum habe sich bei Sousa erkundigt, ob bei Ronaldinhos Einreise alles glatt gegangen war. Sousa bejahte - und hörte eine bemerkenswerte Reaktion von Gauto: "Siehst du, dass ich auf dem Flughafen das Sagen habe?"

Was das zu bedeuten hat, ist offen; Ronaldinhos Anwalt versucht, die Behörden von einer Art Unzurechnungsfähigkeit des Ex-Fußballers zu überzeugen. Er wisse nicht, dass man ihm gefälschte Ausweise gegeben habe. "Er ist dumm", sagte Advokat Marín. Ronaldinho sitzt derweil in einer Einzelzelle. Und dürfte von der Firma träumen, die ihm einst in Brasilien einen Tunnel baute, damit er, von Medien und Trainer unbemerkt, von seinem Domizil in eine nahegelegene Diskothek gelangen konnte. Und das war definitiv eine Episode, die vielen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.

© SZ vom 09.03.2020
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