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Justiz:Krebsmittel aus dem Kofferraum

Vor dem Landgericht Essen geht es um die Frage, wie genau der Apotheker gepantscht hat.

Von Christian Wernicke, Essen

Die Zeugin der Anklage ist empört. Sie spürt den Vorwurf, der in der Frage des Verteidigers mitklingt. "Haben Sie", so will der Anwalt des Bottroper Apothekers Peter S. wissen, "haben Sie jemals Geld erhalten für das, was Sie getan haben?" Marie K., die von März 2015 bis zu ihrer Enthüllung des Skandals um mutmaßlich gepanschte Anti-Krebs-Medikamente im Oktober vorigen Jahres in der "Alten Apotheke" arbeitete, schüttelt energisch den Kopf. Die 55-jährige pharmazeutisch-technische Assistentin braucht zwei, drei Sekunden, ehe sie am Dienstag vor dem Landgericht Essen ihre Fassung wiedergewinnt: "Nein, ich habe kein Geld bekommen!", sagt Marie K., "Ich habe das getan, was ich für richtig gehalten habe. Dafür brauche ich keinen Preis."

Anfang Dezember hatte die Kronzeugin zusammen mit ihrem Kollegen Martin P., dem früheren Buchhalter der Apotheke, den "Whistleblower-Preis" erhalten. Die Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) und die Anti-Atomwaffen-Organisation "Ialana" hatten beide Kronzeugen gewürdigt, weil sie die "jahrelang praktizierte illegale Panscherei mit Anti-Krebsmitteln (Zytostatika) und die dadurch bewirkte Schädigung mehrerer Tausend schwer- und oft todkranker Krebspatienten" aufgedeckt hatten. Marie K. hatte im Herbst vergangenen Jahres einen verdächtigen Infusionsbeutel zur Polizei getragen, eine Analyse ergab: Das vermeintliche Medikament enthielt keinerlei Wirkstoffe. Bereits zuvor hatte der Buchhalter (zunächst anonym) Anzeige erstattet: Martin P. hatte nachgerechnet, dass der Apotheker Peter S. weitaus weniger Zytostatika eingekauft hatte als er den Krankenkassen in Rechnung stellte. In 61 980 Fällen, so die Anklage, soll der Beschuldigte gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen haben. Hinzu kommen 27 Fälle vermuteter Körperverletzung. Geschätzte Schadenssumme: 56 Millionen Euro. Unterstelltes Motiv: Geldgier.

Handelte Peter S. nur in betrügerischer Absicht oder nahm er den Tod in Kauf?

Den vier Verteidigern des Apothekers gelingt es am Dienstag nicht, die Glaubwürdigkeit von Marie K. zu erschüttern. Sie sagt, was sie weiß: Dass Peter S. regelmäßig und vorschriftswidrig in Straßenkleidung ins Bottroper Reinraum-Labor gegangen sei, dass sich beim Reinmachen regelmäßig Haare seines Hundes im Wischmopp fanden, hatte die Assistentin bereits vorige Woche bezeugt. Allmählich war K. der Verdacht gekommen, dass ihr Chef die teuren Medikamente streckte. Oder auch mal nur Kochsalzlösung lieferte.

An diesem Dienstag räumt die Frau ebenso offen ein, was sie nicht weiß: Etwa, wieso und von wem oft erst Tage nach der Anmischung von Anti-Krebs-Infusionen so genannte "Herstellungs-Protokolle" geschrieben wurden. Dann lagen im Labor "große Mengen Papier" herum. Oder ob, wie die Verteidiger von Peter S. behaupten, der Apotheker die in den Büchern fehlenden Mengen von Zytostatika vielleicht auf dem Schwarzmarkt erworben hat: "Davon habe ich das erste Mal bei der Polizei gehört." Sie selbst habe bei ihrer Arbeit stets genügend Arzneimittel-Vorräte im Schrank gefunden: "Da waren Unmengen."

Peter S., der seine Ex-Angestellte während ihrer knapp einstündigen Aussage fortwährend fixiert, nimmt den Satz regungslos hin. Zwei seiner Anwälte jedoch huscht ein Lächeln übers Gesicht. Dass im Keller der "Alten Apotheke" genügend Medikamente lagerten, das scheint ihre Behauptung zu stützen, ihr Mandant habe die buchhalterisch fehlenden Zytostatika auf dem Schwarzmarkt billig hinzugekauft. Das wäre zwar illegal, weil Betrug gegenüber den Krankenkassen. Aber es könnte S. immerhin vom Vorwurf entlasten, er habe per Panscherei Leid und Leben seiner Patienten riskiert. Etliche der zwei Dutzend Nebenklägerinnen wollen Peter S. wegen Mordes verurteilt sehen. Eine von ihnen ist bereits tot, die Brustkrebs-Patientin starb Ende November.

Schriftlich hatten die Verteidiger des Apothekers erklärt, S. habe regelmäßig bei einem Vertreter der Firma Hexal schwarz eingekauft, aus dem Kofferraum. Richter Johannes Hidding hatte aus dem Schriftsatz in der Verhandlung zitiert - und der Konzern dementierte prompt: Hexals Außendienstmitarbeiter kämen "nicht in Kontakt" mit irgendwelchen Zytostatika und könnten die Ware niemals selbst verkaufen. Ein Konzernmanager sowie der beschuldigte Mitarbeiter wollen bald vor Gericht aussagen.

© SZ vom 12.12.2017
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