Jurysystem in der US-Justiz Erwerbsausfall, Isolation und psychische Belastung

Hauptgrund für den verbreiteten Widerwillen ist nicht so sehr die Angst vor der Verantwortung, sondern die vor dem Erwerbsausfall. Juroren werden meist nur dürftig bezahlt, oft sind es zehn Dollar am Tag. Im Fall Zarnajew sind es immerhin 40, im Fall Holmes gar 50 Dollar, da es sich um Bundesverfahren handelt. Doch je nach Dauer des Prozesses kann auch das materielle Folgen haben.

Zwar dürfen Angestellte in den USA nicht wegen Jurydienstes entlassen werden. Doch viele Firmen stellen ihre Lohnzahlungen nach ein paar Tagen ein. Und wer selbständig ist, hat ohnehin ein Problem. Bei gravierender wirtschaftlicher Not kann man zwar um Befreiung ersuchen, gewisse Unannehmlichkeiten aber soll man schon in Kauf nehmen.

Wie im "Plüsch-Gefängnis"

Ein weiteres Problem ist die Isolation. Gerade bei spektakulären Mordprozessen mit großer öffentlicher Anteilnahme wird die Jury oft abgeschirmt. Sie wohnt im Hotel neben dem Gerichtsgebäude, darf sich im Fernsehen keine Nachrichten anschauen, der Zugang zu Internet und Handy wird eingeschränkt. Von einem "Plüsch-Gefängnis" sprach der Geschworene Martin De La Rosa nach dem Revisionsprozess im Fall Rodney King 1993. Die Jurymitglieder hätten aus Frust und Bewegungsmangel zehn Kilo zugenommen.

Manchen Geschworenen dagegen vergeht der Appetit. Julie Zanartu, die 2004 in Kalifornien im Prozess gegen den Mörder Scott Peterson diente, kann bis heute keine Rippchen mehr essen, weil sie beim Anblick blutigen Fleischs an die scheußlichen Gerichtsfotos denken muss. Gemeinsam mit sechs anderen Juroren hat sie ein Buch über den Prozess und das Leben danach geschrieben, Titel: "Wir, die Jury". Antidepressiva und Suizidgedanken kommen darin ausführlich zur Sprache.

Die Jurypflicht ist eine Versklavung des Bürgers, sagen die Gegner

Das Schreiben ist für viele ein Mittel zur Verarbeitung. Nach dem Urteil erlischt zwar die Jurypflicht, manche aber stürzen in ein Loch: so viel Verantwortung und Druck und dann zurück zur Arbeit. Der Fall O. J. Simpson hat gleich mehrere Jurorenbücher nach sich gezogen.

Manchmal haben solche Bücher sogar politische Sprengkraft: Eine Jurorin etwa wollte über den kontroversen Freispruch des Nachbarschaftswächters George Zimmerman schreiben, bekam dann aber kalte Füße. Und ein Mitglied der Grand Jury in Ferguson klagt derzeit vor Gericht gegen eine Auflage, die Juroren das Sprechen in der Öffentlichkeit verbietet.

Die Mehrheit der Geschworenen allerdings dient in einfacher gelagerten Verhandlungen, manchmal dauert der Einsatz nur wenige Stunden; wenn etwa ein Verkehrsunfall beurteilt wird. Für Politologen wie John Gastil von der Pennsylvania State University ist das Jurysystem so oder so ein wichtiger Bestandteil der amerikanischen Demokratie. Er hat in mehreren Studien dargelegt, dass der Geschworenendienst den Bürgersinn stärke und weiteres Engagement befördere.

Die Gegner der Jurypflicht sehen das natürlich anders. Sie halten die Jurypflicht für nichts weniger als eine Versklavung des Bürgers, eine Einberufung zu unfreiwilliger Arbeit - vergleichbar mit der Wehrpflicht. Und die wurde in den USA 1973 abgeschafft.