Süddeutsche Zeitung

Jugendwort 2020:Nicht verloren

"Lost" ist das Jugendwort des Jahres. Zum ersten Mal durften Jugendliche mit abstimmen. Zum Glück. Über das unterschätzte Kulturgut Jugendsprache.

Von Franziska Osterhammer

Ein Bahnhof im Münchner Osten, Mittwochnachmittag, Bahngleis 2. "Bro, bis morgen dann!", "Ja, Diggah". Zwei Jugendliche, gerade aus der S-Bahn gestiegen, verabschieden sich. Während manche Erwachsene den Kopf schütteln, würde sich Nils Bahlo über die Beobachtung eines solchen Identifikations- und Distinktionsrituals freuen.

Bahlo lehrt am Germanistischen Institut der Uni Münster und ist Experte für Jugendsprachforschung. Er sagt: "Jugendsprache ist definitiv ein Kulturgut." Eine mutige Aussage im Land der Gretchenfrage, der Pudelkerne, der drei Artikel. Deutsch gilt als eine der schwersten Sprachen weltweit, und irgendwie ist man darauf sogar stolz. Bro, Diggah, Ehrenmann? Gefällt da nicht jedem.

Dabei hat wahrscheinlich schon Goethe Jugendsprache gesprochen. Die ersten Aufzeichnungen darüber lassen sich in Deutschland im Jahr 1749, also seinem Geburtsjahr, finden. Und wirklich verändert haben sich Jugendsprachen seitdem auch nicht mehr. Zumindest inhaltlich. "Was heute ein One-Night-Stand ist, war früher eine Spaßcharmante. Die Wörter verändern sich zwar, die Themen bleiben aber über Jahrhunderte gleich: Es geht ums Raufen, Saufen, Duellieren, die Schule und natürlich das andere Geschlecht", sagt Bahlo. Von Trampelcharmante bis zur Chaya also.

Eine Community programmierte Abstimmbots

Wer hier Verständnisschwierigkeiten hat, sollte den Artikel vielleicht gemeinsam mit seinen Kindern lesen. Oder Charles Bahr fragen. Charles Bahr ist von Beruf Jugendlicher und damit ziemlich erfolgreich. Der heute 18-jährige gründete mit 14 seine erste Influencer-Marketing-Agentur, kurz darauf eine Unternehmensberatung und seit wenigen Monaten arbeitet er für die Videoplattform Tiktok. Er erklärt Unternehmen, wie sie mit Jugendlichen sprechen sollten. Möglichst ohne Cringe. Dieses Wort war übrigens auch unter den Finalisten für das Jugendwort des Jahres 2020 und wird benutzt, um das Gefühl des Fremdschämens auszudrücken.

Den größten Fehler, den Unternehmen, Institutionen und Erwachsene generell machen könnten: "Die Generation Z nicht mit an den Tisch holen." Also nur über Jugendliche sprechen, aber nicht mit ihnen. Was passiert, wenn gerade Unternehmen das nicht machen? "Die Community auf Social Media gibt dann schon selbst ihre native Rückmeldung." So klingt Shitstorm also in schön.

Wer sich mit aktuellen Jugendsprachen beschäftigt, findet dort Einflüsse aus der Musikszene, vor allem aus Hip-Hop und Rap, aus den sozialen Medien, Memes (also Internetwitzen) und viralen Aktionen wie der Ice Bucket Challenge. Jugendsprache als Dokument einer Zeit, eines Zeitgeistes. Und daneben erfüllt Jugendsprache einen weiteren wichtigen Zweck: Sie schafft Gruppenzugehörigkeit unter Jugendlichen.

Dieses Jahr durften Jugendliche bei der Wahl zum Jugendwort zum ersten Mal nicht nur selbst Vorschläge einreichen, sondern auch online abstimmen. Aufregung verursachte kurz der Vorschlag einer Reddit-Community. Sie wollte "Hurensohn" auf die Liste bringen, programmierte dafür sogar Abstimm-Bots. Auch "Mittwoch" und "Schabernack" waren anfangs recht erfolgreich. Neben "Cringe" schafften es am Ende "Wyld/Wild" (krass) und "Lost" (ahnungsloses und unsicheres Handeln) ins Finale. Letzteres ist auch das Jugendwort 2020. Mit 48 Prozent der Stimmen habe sich "Lost" durchgesetzt, teilte eine Sprecherin des Pons-Verlags am Donnerstagmorgen mit.

"Wissenschaftlich irrelevant, aber didaktisch hilfreich": So bezeichnet Bahlo die Wahl zum Jugendwort des Jahres. Jugendsprache auf einzelne Wörter zu reduzieren, sei zu kurz gegriffen, und natürlich sind diese Wörter meist auch nicht repräsentativ. Die jährliche Wahl liefert aber Gesprächsstoff: Es wird über Jugendsprache gesprochen, und zwar im besten Fall zusammen mit den Jugendlichen.

Charles Bahr findet, der Pons-Verlag hat es dieses Jahr gut gemacht und einen Beitrag zum Auf-Augenhöhe-miteinander-Sprechen geleistet. Man merke, dass Jugendliche selbst an der Abstimmung beteiligt waren. "'Wild' und 'Cringe' verwende ich schon auch ziemlich extrem. Ich habe selbst meine Mutter schon dabei erwischt, wie sie 'Cringe' gesagt hat", erzählt Bahr. Das sei dann aber doch etwas komisch gewesen. Cringe eben.

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