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Jugendkriminalität:Prügelattacken wie in Euskirchen lassen sich oft verhindern

Zwölfjähriger lebensgefährlich verletzt

Die Polizei konnte inzwischen zwei Täter ermitteln. Beide sind unter 14 Jahre alt und deshalb noch nicht strafmündig.

(Foto: Marius Becker/dpa)

An einer Schule wird ein Zwölfjähriger brutal niedergeschlagen - offenbar von zwei minderjährigen Mitschülern. Wer dahinter einen strukturellen Anstieg von Gewalt vermutet, liegt falsch.

Von Bianca Hofmann

Nach der lebensgefährlichen Attacke auf einen zwölfjährigen Schüler in Euskirchen konnte die Polizei inzwischen zwei Täter ermitteln. Beide sind unter 14 Jahre alt und deshalb noch nicht strafmündig. Die entscheidenden Hinweise auf die Täter seien von einem Schüler gekommen, der die Auseinandersetzung an der Gesamtschule Euskirchen beobachtet hatte und sich am Montag als Zeuge gemeldet habe, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Der schwerverletzte Zwölfjährige liegt immer noch auf der Intensivstation.

Gewaltverbrechen, die von von Jugendlichen oder sogar Kindern verübt werden, machen immer wieder Schlagzeilen: In Berlin prügelten im März vier Kinder im Alter von zehn, elf, zwölf und 13 Jahren auf einen 13-jährigen Jungen ein, um ihm sein Handy abzunehmen. Sie schlugen immer weiter auf ihr Opfer ein, auch nachdem sie ihm das Handy schon entrissen hatten. Im Oktober 2014 eskalierte ein Streit zwischen einem Elf- und einem Zwölfjährigen an einer Bushaltestelle in Bad Königshofen. Der Jüngere stach mit einem Taschenmesser mehrfach auf den anderen ein. Im März 2013 griff eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen in Berlin einen 20-Jährigen an, der auf die U-Bahn wartete. Die Angreifer schlugen und traten so lange zu, bis das Opfer zusammenbrach und von der Bank fiel.

Die Zahl der Gewalttaten auf dem Schulhof geht zurück

Solche brutalen Gewalttaten sind jedoch Einzelfälle. Insgesamt hat die Gewalt auf Schulhöfen in den vergangen Jahren deutlich abgenommen, zeigt die Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV): 2000 gab es noch mehr als 135 000 gewaltbedingte Schulunfälle, 2014 hingegen waren es nur noch etwas über 80 000. Das entspricht einem Rückgang von fast 40 Prozent.

Trotz der rückläufigen Zahl der Gewalttaten fordern Experten mehr Prävention, um brutale Ausschreitungen wie kürzlich in Euskirchen zu verhindern. Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Adam Alfred betont: "Aggressive Verhaltensweisen kündigen sich meist lange im Voraus an." So reagieren etwa Kleinkinder schon unangemessen impulsiv mit Wutausbrüchen auf eher harmlose Situationen. Hier sollten die Eltern bereits mit professioneller Hilfe gegensteuern.

Eltern müssen vorleben, wie man richtig mit Konflikten umgeht

Hanna Christiansen, Professorin für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg sagt: "Jedes Kind wird mal aggressiv und schlägt um sich, aber da müssen die Eltern ihrem Kind ganz klar die Grenzen zeigen und deutlich machen, dass das nicht in Ordnung ist." Eltern hätten außerdem eine wichtige Vorbildfunktion für ihre Kinder. Dabei spiele es auch eine Rolle, wie die Eltern selbst mit Konflikten umgingen: "Manchmal werden Kinder sogar von Zuhause ermutigt zurückzuschlagen."

Wenn die Situation eskaliere und die Eltern merkten, dass ihr Kind außer Kontrolle gerate, sollten sie das Jugendamt und in schwerwiegenden Fällen sogar die Polizei zur Hilfe holen, rät Alfred. "Manchmal realisieren Jugendliche dann, dass etwas schiefläuft."

© SZ.de/vbol
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