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Jürgen Fliege in der Kritik:In Konkurrenz zur Kirche

Jürgen Fliege, so lautet der Vorwurf hinter dem Verfahren, ist nicht mehr der populäre Seelsorger und Menschenflüsterer, den die ARD bis vor sechs Jahren präsentierte. Er ist zum Anbieter auf dem Esoterikmarkt geworden, ein Selbstvermarkter seines Namens, in zunehmender Distanz, ja sogar Konkurrenz zu der Kirche, die ihn ordiniert hat, für deren Spitze er auch schon als erfolgreicher Fernsehpastor oft nur Hohn und Spott übrig hatte. Die Kirche des damaligen evangelischen Ratsvorsitzenden Klaus Engelhardt sei "keine fünf Mark" Kirchensteuer wert, höhnte er 1995 - solche Sätze sind in der Kirche unvergessen.

Ein bisschen redet Jürgen Fliege an diesem Morgen über seine Tagung, vor allem aber wehrt und erklärt er sich. Er gehe dort hin, wo die Ausgetretenen seien, die die etablierte Kirche nicht mehr erreiche, "jeden Tag treten 1000 Menschen aus, ein ganzer ICE-Zug voll", ruft er.

Missverstanden und verletzt

Die Kirche sei gut, wenn es um Gerechtigkeit geht, schlecht aber, wenn die Frage im Raum stehe, "ob Krankheit und Tod eine Gottesbotschaft sind". Jesus sei ein Heiler gewesen, Pfarrer Kneipp habe in Wörishofen heilen wollen - warum sollte er da nicht Heiler zu seinem Kongress einladen. Und der Mauertrockner? "Bei mir funktioniert er", sagt Fliege. Und so, wie sein Großvater einst standhaft bei Juden gekauft hätte, wolle er jetzt nicht Menschen boykottieren, bloß weil sie Scientologen seien.

Bleibt noch die Fliege-Essenz. Der Verkauf sei nach 118 Flaschen gestoppt worden, nicht mehr als fünf Euro habe er daran verdient - und verkaufe nicht auch die katholische Kirche Weihwasser, zum Beispiel aus Lourdes? Wobei, so denkt man bei sich, es den Katholiken nicht einfiele, eine Papst-Benedikt-Essenz oder ein Erzbischof-Zollitsch-Wasser zu vermarkten.

Er hat ja eigentlich über die Pressekonferenz hinaus nicht mit Journalisten reden wollen, zu sehr fühlt er sich missverstanden, zu sehr ist er verletzt. Beim ZDF-Moderator Markus Lanz sei er regelrecht niedergemacht worden, den Welt am Sonntag-Autoren Benjamin von Stuckrad-Barre habe er ins Haus gelassen, und dann habe der den flapsig gemeinten Satz aus dem Seelsorgegespräch mit dem Brautpaar zitiert.

Aber dann steht der Reporter da und muss zum Zug und humpelt ein bisschen - "ich fahre Sie nach München", sagt er. Er fährt ein älteres Audi-Cabrio mit glänzendgesessenen Ledersitzen, auf der Autobahn bleibt er mit Tempo hundert hinter den Lastwagen. Auf der Fahrt erzählt er eine Geschichte.

Es ist die Geschichte von Nickel und ihm. Sie haben zusammen studiert, sie haben sich gemeinsam gegen die Kirchenleitungen aufgelehnt, sie waren links, Sozialpastoren, die mit den Stahlarbeitern demonstrierten. Der Nickel, sagt er, der ist politisch geblieben. Er, der Jürgen aber, habe zunehmend gespürt, dass ein Pastor für die Dinge jenseits des Politischen da sein müsse.

Nikolaus Schneider, der Nickel, ist nun Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen Kirche, also der oberste Herr des Disziplinarverfahrens gegen den Jürgen. Man hat sich auseinandergelebt.

Und warum geht er dann nicht? "Ich bin Pfarrer bis zum Tod", sagt Jürgen Fliege. München. Ein Blick, ein Händedruck. "Mit dem Segen", sagt er zum Abschied.

© SZ vom 28.10.2011/sks/jobr
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