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Jubiläum:Wiedersehen in Heidiland

Johanna Spyris Roman ist 125 Jahre alt und ihre Heldin noch allgegenwärtig - auf Käseballen, Geschirrtüchern und Joghurtbechern.

Judith Raupp

Zürich - Verena Rutschmann erinnert sich gut an ihre erste Lesestunde. Verbissen hat sie damals den Satz buchstabiert, den Pädagogen heute keiner Erstklässlerin mehr zumuten dürften: "Vom freundlich gelegenen alten Städtchen Maienfeld führt ein Fußweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fuße der Höhen, die von dieser Seite groß und ernst auf das Tal herniederschauen", lautet der geschraubte Anfang von Heidis Geschichte, von dem sich Rutschmann aber nicht schrecken ließ.

Sie ackerte den Roman durch - und war sofort beeindruckt von dem Mädchen, das sich mit kindlicher Zielstrebigkeit der Erziehung in einer Frankfurter Bürgerfamilie widersetzt und schließlich zum verschrobenen Großvater in die geliebten Schweizer Berge zurückkehren darf. "Diese Selbstständigkeit, diese Charakterstärke, das ist phänomenal", sagt Rutschmann und macht keinen Hehl daraus, dass sie als 59-Jährige immer noch für ein kleines, naturverbundenes Mädchen schwärmt.

Mittlerweile leitet die Literaturwissenschaftlerin das Johanna Spyri Archiv in Zürich. Vor 125 Jahren veröffentlichte die Schweizer Autorin Spyri das Kinderbuch "Heidis Lehr- und Wanderjahre". Seither ist es mit der Individualität ihrer Romanheldin stetig bergab gegangen. Und so kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Verena Rutschmann Besucher ein wenig auf die Nerven gehen. "Der Besuch kommt immer in Wellen", stöhnt die Spyri-Expertin.

Heidi-Musical

Und wann die Heidi-Fans ins Archiv schwappen, bestimmen heute Marketingprofis. Rechtzeitig zum Geburtstag des Romans hat nun ein Tourismusdirektor das Musical "Heidi" an den Walensee in der Ostschweiz geholt. Und angestachelt vom Hype darum besuchen Leute das Archiv, die noch nie einen Satz aus dem Heidi-Roman gelesen haben und nicht wissen, wer Johanna Spyri war. Viele Besucher kommen aus dem Ausland. Aus Deutschland etwa, die meisten jedoch - aus Japan.

Was finden ausgerechnet die Asiaten an Heidi? Rutschmann zuckt die Schultern: "Wenn ich das wüsste". Vermutlich ist es der Mythos Schweiz. Heidi hat alles, was dazugehört: Berge, Natur und ein versöhnliches Ende. Selbst die Schweizer mögen "ihre" Heidi genau deshalb. Allerdings kennen auch viele Kinder in der Schweiz den Originalroman gar nicht mehr, sagt Rutschmann.

Sie schauen seit Jahrzehnten lieber den in Japan produzierten Zeichentrickfilm, der natürlich auch ein Happy End hat.

Weniger sanft verläuft im Heimatland von Heidi, Geißenpeter und Alm-Öhi indes der Kampf um die Vermarktung. Denn "Heidiland" darf sich genau genommen nur die Touristenregion um den Nobelskiort St.Moritz so nennen.

1979 kam ein Kurdirektor auf die Idee, den Namen als Marke schützen zu lassen. Später merkte er, dass er mit Heidi nichts anfangen konnte: Die Schönen und Reichen, die in St.Moritz verkehren, wollen mit dem einfachen Alpenmädchen nichts zu tun haben. St. Moritz nennt sich jetzt lieber "Top of the World".

Und dankbar griff der Tourismusdirektor von Bad Ragaz zu. Er bezahlt nun jedes Jahr 10.000 Franken Lizenzgebühr an St. Moritz, damit er seine Ferienregion westlich des Rheins und entlang des Walensees Heidiland nennen darf. Das Heidi-Musical am Walensee ist nur eine Konsequenz daraus und der amtierende Direktor Marco Wyss ist stolz darauf: "Es läuft super."

Dabei spielt Johanna Spyris Roman gar nicht am Walensee. Die Autorin hat ihre kleine Heidi von Maienfeld aus losgeschickt. Das Dorf liegt Bad Ragaz gegenüber auf der östlichen Rheinseite. Doch die Tourismuskollegen in Maienfeld waren einfach zu langsam.

Zuerst reagierten sie verschnupft auf den Coup, jetzt verhandeln sie mit den Nachbarn aus Bad Ragaz, wie sie auch ein wenig von der schönen Marke Heidiland profitieren könnten. Auch die Produktion des fünf Millionen Franken teuren Musicals, die die Walenstädter in aller Heimlichkeit vorantrieben, haben die Maienfelder den Nachbarn inzwischen verziehen. Sie trösten sich inzwischen mit einer eigenen Heidi-Aufführung - einem Freilichtspiel mit Laienschauspielern.

Zum Markenartikel verkommen

Verena Rutschmann ist das alles egal. Sie hat weder das Musical noch das Laientheater gesehen. Längst hat sie sich daran gewöhnt, dass Heidi zum Markenartikel verkommen ist. Käse, Joghurt, Hautcreme und Mineralwasser tragen das Heidi-Logo. In Souvenirshops lacht das Alpenmädchen von Geschirrhandtüchern, Tellern, Kuhglocken und Spieluhren. Selbst eine Raststätte auf der Autobahn A 13 in Graubünden heißt Heidiland.

Rutschmann sieht das pragmatisch. "Solange das der Geschichte keinen Abbruch tut...", sagt sie nur. Nach kurzem Schweigen steht sie auf und läuft über den knarrenden Holzboden ins Zimmer nebenan. Vor einem der vielen Bücherregale bleibt sie stehen und fährt mit der Hand über ein Dutzend Bücherrücken.

Sie tragen Titel wie "Heidi wird erwachsen", "Heidi und ihre Kinder" und "Heidi als Detektiv". Charles Tritten, der eigentlich nur Spyris Roman ins Französische übersetzen sollte, hat die Geschichte einfach fortgeschrieben. Dem Beispiel sind unzählige Autoren in unzähligen Sprachen gefolgt. "Die Vermarktung hat früh angefangen", sagt Rutschmann. Die Archivleiterin lächelt und zieht einen der vielen Fortsetzungsromane hervor. Er heißt: "Wehr Dich Heidi".

© SZ vom 1.9.2005
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