bedeckt München 20°

Jesuitenschulen:Hundert Missbrauchsopfer

Der Missbrauchsskandal im Jesuitenorden ist noch weit größer, als bislang angenommen. Immer mehr misshandelte Schüler melden sich. Es sollen schon mehr als 100 Opfer sein.

Mehr Klarheit, weitere Fakten und neue wichtige Details - viele Erwartungen sind an den Bericht geknüpft, den Ursula Raue zu den Fällen sexueller Übergriffe durch Jesuitenpatres vorlegen wird. Die Beauftragte des Ordens für Missbrauchsfälle hat sich tagelang durch Akten gewühlt, mit verantwortlichen Ordensleuten gesprochen und den Kontakt zu den mutmaßlichen Tätern gesucht. Vor allem aber hat sie den Missbrauchsopfern sehr genau zugehört, die sich seit zwei Wochen unentwegt bei der Mediatorin melden. Noch in dieser Woche will Raue nun die ersten Ergebnisse ihrer Ermittlung dem Jesuitenorden und der Öffentlichkeit präsentieren.

Blick durch ein Fenster in den Innenhof des Canisius-Kolleg.

(Foto: Foto: APN)

Vor diesem Tag, der noch nicht genau feststeht, gibt sie nur ungern Auskunft über Details ihrer Recherche. Doch sie verrät schon jetzt: Der Missbrauchsskandal ist noch weit größer, als bislang angenommen wurde. "Die Zahl möglicher Missbrauchsopfer hat sich auf mehr als 100 deutschlandweit erhöht", sagte Raue der Süddeutschen Zeitung am Montag.

Eine exakte Zahl nannte sie nicht. Die soll erst in dem Bericht stehen. Denn noch immer, so Raue, meldeten sich "viele neue Opfer". Immer wieder müsse sie dann überprüfen, ob es sich dann tatsächlich um neue oder bereits erfasste Fälle handele. Wenn ein Anrufer von drei weiteren betroffenen Mitschülern berichte, könne sie nicht einfach vier weitere Opfer notieren, erklärte die Anwältin.

Nachdem Ende Januar die ersten Missbrauchsfälle aus den siebziger und achtziger Jahren am Berliner Canisius-Kolleg bekannt geworden waren, erfasste der Skandal weitere Jesuiten-Gymnasien. Bisher hatte Raue von etwa 30 Betroffenen gesprochen, die sich bei ihr gemeldet hätten. In der vergangenen Woche wurden darüber hinaus ein Dutzend weiterer möglicher Missbrauchsfälle am Bonner Aloisiuskolleg bekannt.

"Wir alle sind bestürzt"

Auf den jetzt erwarteten Zwischenbericht der Anwältin soll später noch ein weiteres, ein abschließendes Dokument folgen. Allerdings wird es dauern, bis alle Untersuchungen beendet sind. Bis dahin können, so heißt es, noch Wochen, wenn nicht sogar mehrere Monate vergehen. Wie die Jesuiten auf das Zwischenergebnis reagieren, wird sich zeigen. Zunächst müsse der Orden wissen, was Raue vorlege, erklärt ein Sprecher: Ob es sich dabei um Fakten und Schilderungen handele oder schon jetzt Fragen an den Orden gerichtet werden, mit denen sich die Jesuiten auseinandersetzen müssen. Sollte ihr Bericht erste Fragen, etwa nach Versäumnissen und Verantwortung, aufwerfen, werde der Orden auch erste Antworten geben.

Das katholische Dekanat Bonn-Bad Godesberg richtete am Wochenende ein Seelsorgetelefon für Missbrauchsopfer am Aloisiuskolleg ein. Bereits am ersten Tag gingen mehrere Anrufe von Betroffenen, Zeugen und Angehörigen ein. "Wir alle sind bestürzt und besonders bedrückt über die Missbrauchsvorwürfe, die auch gegen einzelne Patres des Aloisiuskollegs erhoben werden", sagte Pfarrer Wolfgang Picken. Der Seelsorger empfahl eine bundesweite Hotline.