Japan:Die Zeder muss weg

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Von der Japanischen Zeder geht Gefahr aus, hier die junge männliche Blüte einer Zeder in der Präfektur Shizuoka. (Foto: Yasushi Kanno/AP)

Mit der Kettensäge will Japans Politik gegen die Volkskrankheit Heuschnupfen vorgehen. Doch der Plan funktioniert nicht wie erhofft.

Von Thomas Hahn, Tokio

Japans Premierminister Fumio Kishida und die Comicfigur Superman haben eines gemeinsam: Sie wollen retten, was zu retten ist. Bei Kishida sieht das etwas schwerfälliger aus, weil er keine übermenschlichen Kräfte hat. Aber in seinen Reden wirkt es oft so, als wäre er mit fliegendem Umhang im Inselstaat unterwegs, um eigenhändig alle Krisen klein zu schlagen: die Geburtenkrise, die Wirtschaftskrise, die Vertrauenskrise seiner konservativen Partei LDP. Und natürlich auch die Heuschnupfenkrise durch die Pollen der Japanischen Zeder. Kishidas Regierung hat dazu einen Plan. Er sieht vor, massenweise Zedern abzuholzen. Um dem Vorhaben Nachdruck zu verleihen, besuchte Kishida im Oktober einen Forst in Ibaraki und ließ sich dort in Funktionskleidung sowie mit Kettensäge ablichten.

Wie bei allen Rettungsaktionen Kishidas liegt auch bei der Heuschnupfenbekämpfung die Tücke in dem Detail, dass es keine schnelle Lösung gibt. Und selbst die langsame Lösung wird durch die japanischen Umstände erschwert. Seit einem Jahr steht der Plan, bis 2033 die künstlich angelegten Zedernwälder um 20 Prozent zu reduzieren und den Pollenausstoß binnen 30 Jahren zu halbieren. Aber mittlerweile stellt sich heraus: So einfach geht das nicht.

Japan und der Heuschnupfen - das ist keine kleine Geschichte. Laut Regierung sind 40 Prozent der Japanerinnen und Japaner betroffen. Die Hauptschuldige ist längst gefunden und gestellt: Es ist besagte Japanische Zeder, Cryptomeria japonica, auf Japanisch Sugi, ein einheimisches Zypressengewächs, an dem es im Grunde nichts auszusetzen gibt. Im Gegenteil: Sugi bieten nicht nur alles, was man von einem Baum erwarten darf, Wasserspeicher, Schadstofffilter, Sauerstoffproduktion. Sie bestechen auch durch ihr weiches, helles Holz und ihren geraden Wuchs. Man kann sie sehr gut verarbeiten.

Für Allergiker wäre es eine gute Nachricht, wenn mehr Bäume zersägt werden würden

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Japanische Zeder sogar so etwas wie die Heldin der Nation. Massenhaft wurde sie damals in Kahlschlaggebieten gepflanzt und befestigte Hänge, an denen zuvor Erdrutsch und Tod drohten. Einziges Problem: ihr mächtiger Pollenausstoß im Frühjahr. Mit den wachsenden Zedernforsten kam in den 60er-Jahren der Heuschnupfen. Heute ist er in Japan Volkskrankheit.

18 Prozent des Waldes in Japan bestehen nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Tokio aus gepflanzten Sugi. Für die Allergiker ist es gut, dass mehr von diesen Pollenschleudern Schnittholz werden sollen. Aber Fachleute haben Bedenken. Forstwirtschaft ist schwierig in den steilen Bergwäldern Japans. Deshalb wird viel Holz importiert, die Folge: Es gibt kaum Bedarf an einer üppigeren Sugi-Ernte. Der Branchenverband People's Forest Congress hat Sorge, dass die Preise verfallen könnten. Laut Japan Times sagte ein Vertreter: "20 Prozent weniger Zedern erreicht man nur, wenn die ganze Forstindustrie eine Wende vollzieht." Dazu kommt, dass im überalterten Land Leute für die Fällarbeiten fehlen.

Im Kampf gegen den Heuschnupfen muss Premier Kishida also mit Rückschlägen rechnen. Auch wenn er selbst mitsägt. Japans Zedernproblem würde wohl sogar den richtigen Superman überfordern.

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