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Hygiene:Wie Japan Smartphones keimfrei bekommen will

dpa-Story - Was sind die Zukunftsthemen 2017

Der durchschnittliche Handy-Inhaber wischt 46- bis 68-mal am Tag über sein elektronisches Helferlein.

(Foto: dpa)

Auf dem Handy-Display finden sich oft mehr Keime als auf einer Klobrille. Hygienebewusste Japaner bieten nun erste Hilfe.

Irgendwie ist es ja logisch. Womit wir die meiste Zeit verbringen, was uns permanent beschäftigt, dort ist es auch besonders lebhaft. Das ist ganz wörtlich zu verstehen: Auf keinem Alltagsgegenstand krabbeln, nisten, leben und vermehren sich so viele Bakterien und andere fiese Keime wie auf dem Smartphone. Das Mobilgerät beherbergt mehr Bazillen als eine übliche Klobrille. Kein Wunder - bei dem intensiven Kontakt. Je nach Untersuchung aktiviert der durchschnittliche Handy-Inhaber 46- bis 68-mal am Tag sein elektronisches Helferlein, um zu chatten, zu benachrichtigen, E-Mails zu checken oder im Netz zu surfen. Es gibt sogar die verschworene Sitzgemeinschaft der Toiletten-Telefonierer und WC-Surfer. Aus dem Smartphone wird das Klo-Phone.

Nur folgerichtig, dass die ebenso pragmatischen wie hygienebewussten Japaner jetzt Erste Hilfe anbieten. Auf dem Narita International Airport nahe Tokio gibt es neben der herkömmlichen Papierrolle neuerdings einen - etwas kleineren - Halter mit Säuberungspapier für das Smartphone. Zunächst wurde er in 86 Kabinen testweise installiert. Schließlich wollen nicht nur die Körperausgänge sorgfältig gereinigt sein, auch das Endgerät der mobilen Kommunikation braucht regelmäßig Pflege. Auf den abreißbaren Wischblättern finden sich neben dem freundlichen Gruß "Welcome to Japan" auch Informationen zum nächsten Wlan-Hotspot - und das alles mit einer desinfizierenden Beschichtung, die Keime und Co. abtöten soll.

Keimbesiedlung als Indikator für den gesellschaftlichen Wandel

Nachdem Japan bereits mit Sprinkleranlagen für den Allerwertesten, mit Sitzheizung in der Klobrille, rückwärtigen Bürstenmassagen und akustischer Berieselung zur Camouflage peinlicher Geräusche ein Vorreiter der WC-Technologie ist, geht es jetzt auch im Kampf gegen die Keimgefahr innovative Wege. Fehlt nur noch - zusätzlich zu Fitness-App und Schrittzähler - der integrierte Keimzähler im Smartphone, der in der Wochenbilanz anzeigt, wie viele Bakterien auf dem Display diesmal erledigt worden sind.

Die Keimbesiedlung ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem hervorragenden Indikator für gesellschaftlichen Wandel geworden. Lange Zeit galt die Küche als erstaunliches Beispiel dafür, wo Mensch und Bazille besonders intensiv herumwuseln: Wer es genau wissen will: Die Arbeitsfläche zum Schneiden und Raspeln, die Spüle und der Kühlschrank sind am stärksten betroffen. Dort tummeln sich mehr Bakterien und andere Keime als - genau - auf der Toilettenbrille. Putzschwämme, die zu selten in der Waschmaschine gereinigt werden, und diese braunen Schlieren an der Rückwand des Kühlschranks gelten als besonders beliebte und wohnliche Hotspots der Bakterienkultur. Aber wer werkelt heute noch in der Küche herum, wenn per Smartphone der Lieferservice aktiviert werden kann? Sie sitzen und simsen, wir flitzen, könnte das neue Motto der Bringdienste lauten. Frühe Aufklärer und die Wissenschaftssendungen im Dritten Programm haben denn auch bald nachgewiesen, dass sich auf Türklinken und sogar in den Ritzen der alten Festnetztelefone mit Wählscheibe oder klobiger Klacker-Tastatur mehr Keime einfanden als, richtig: auf dem Toilettensitz. Das, was man immer wieder anfasst, benutzt und befingert, wird nun mal mit mehr Mikroorganismen bevölkert als die herkömmliche Klobrille, die den Großteil des Tages unbeachtet im Dunkeln verbringt.

WC-Brille ist nicht unbedingt eine Keimschleuder

Die WC-Brille - in der Fachsprache Sitzring genannt - steht übrigens völlig zu Unrecht in dem Ruf, eine gemeine Keimschleuder zu sein. Die Großstadtmythologie ist allerdings voll von urban legends, wonach sich ungeschützte Oberschenkel und Unterleiber fiesen Ausschlag und noch gemeinere Seuchen holen, wenn sie sich auf fremden Toiletten niederlassen, statt in akrobatischen Schwebenummern den Kontakt zum Plastiksitz zu vermeiden. Nur mal nebenbei: Das müssten schon besonders sprunghafte Bakterien sein, die es von der Mitte der Oberschenkel bis hin zu delikateren Stellen schaffen, um dort Unheil anzurichten. Entwarnung: Wenn die Klobrillen nicht sichtbar verschmutzt oder verdreckt sind, droht keine Gefahr.

Deshalb ist der Grund dafür, dass auf nahezu jedem Handy Millionen Keime nisten, auch nicht der heimliche Smartphone-Abusus auf dem stillen Örtchen. Der wäre aus bakteriologischer Sicht sogar zu vernachlässigen. Es sind vielmehr die dutzendfachen Wischereien in der Bahn, im Büro oder zu Hause, die zur regen Kultivierung der Mikroorganismen führen. Besonders wohl fühlt sich die Keimkultur, wenn man jemandem die ungewaschene Hand schüttelt, der gerade die Toilette besucht hat - und man selbst danach sofort wieder zum Smartphone greift. Daran dürfte auch das japanische Säuberungspapier nichts ändern.

Hygiene Das Büro lebt

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Büroangestellte sitzen auf Unmengen von Mikroben - und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Panisch aus dem Stuhl aufzuspringen, nützt indes wenig. Die Keime besiedeln noch weitere Stellen am Arbeitsplatz.   Katrin Blawat