Süddeutsche Zeitung

Japan:"Wir befinden uns in einem Krieg zwischen Mensch und Bär"

In Japan schrumpft die Gesellschaft so schnell wie in keinem anderen Land. Und wo die Menschen weniger werden, werden die Tiere mehr. Sie erobern ihren natürlichen Lebensraum zurück.

Neulich soll sich ein Bär am Baseballfeld herumgetrieben haben, und auch sonst häufen sich in Yokote in der japanischen Provinz Akita die Berichte über Bärensichtungen, im nahen Yokote-Park zum Beispiel. An der Jonan-Oberschule wurden deshalb Info-Blätter zum richtigen Umgang mit den Raubtieren verteilt. Und wenn die Stadt einen neuen Fall meldet, sollen die Schülerinnen und Schüler nur in Gruppen heimgehen. "Sicherheit ist für uns das Wichtigste", sagt Sakiko Handa, die leitende Schulsekretärin. Sie wirkt gefasst. Aber die Aussicht, dass sie oder sonst wer plötzlich einem ausgewachsenen Bären gegenübersteht, findet sie gar nicht angenehm.

Sie gibt zu: "Ich habe schon Angst." Sakiko Handa ist gerne bereit, etwas zu sagen über die Bären und die Kinder in ihrer Heimatstadt. Wie es in Japan üblich ist, sind am Eingang des Schulhauses die Schuhe auszuziehen und einzutauschen gegen ein Paar Einheitsschlappen. Dann bittet Sakiko Handa, Platz zu nehmen, und holt den Ordner mit den Zahlen, die davon erzählen, dass die Zeiten sich ändern. 200 Schülerinnen und Schüler umfasste vor sechs Jahren der jüngste Jahrgang der Schule, in diesem Jahr waren es noch 160. "Wir spüren, dass die Bevölkerung kleiner wird."

Ein Umstand, den sich in Japan offenbar die Bären zunutze machen. Japans Gesellschaft schrumpft so schnell wie in keinem anderen Land der Welt. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird es 2030 in Japan statt 126 Millionen Menschen nur noch 114 Millionen geben. Die Geburtenraten sind niedrig, Zuwanderung gibt es kaum, gleichzeitig hat sich die medizinische Versorgung derart verbessert, dass Japanerinnen und Japaner heute auch die höchste Lebenserwartung der Welt haben. Dieses verschobene Verhältnis von jungen zu alten Leuten stellt das Land vor mächtige soziale Herausforderungen.

"Wir befinden uns in einem Krieg zwischen Mensch und Bär um diese Gebiete"

Und seit geraumer Zeit weisen Wissenschaftler auf einen weiteren Aspekt hin, den Biologen nicht unerfreulich finden, der aber Landwirten und Normalbürgern zu schaffen macht: Wo die Menschen weniger werden, werden die Tiere mehr, etwa die Bären. Sie dringen mittlerweile auch in Dörfer vor - oder in Städte wie Yokote am Fuße des Ou-Gebirges mit seiner zurückgehenden Einwohnerzahl von etwa 90 000.

Akita, eine ländlich geprägte Präfektur im Nordwesten der japanischen Hauptinsel Honshu, ist eines der klarsten Beispiele für den Trend. "Wir verlieren jedes Jahr 10 000 Menschen", sagt Kazuhiko Hoshizaki, Biologie-Professor an der Präfektur-Universität Akita, "ich bin seit 20 Jahren in Akita, seither ist die Bevölkerung von 1,2 Millionen auf unter eine Million Menschen gesunken." Und er beobachtet, dass dieser Rückgang die Wildnis verändert.

Kazuhiko Hoshizaki sitzt zwischen vollen Bücherregalen in seinem engen Büro, das wie der lebendige Gegensatz zur Weite des Campus wirkt. Auf dem Weg zu ihm war kaum ein Mensch zu sehen. Die helle, großzügige Anlage der Universität liegt am Waldrand im Süden der Stadt Akita wie eine futuristische Bühne für die wachsende Leere im ländlichen Raum. Und der Professor zeigt in seinen Computer auf eine Kurve, die darstellt, wie viel häufiger die Bären mittlerweile in die Nähe der Menschen kommen. 1995 lag die Zahl der Begegnungen praktisch bei null, 2015 bei 400 und danach geht es steil nach oben auf über 1200 im Jahr 2017. Es ist, als würde die Wildnis ihr Land zurückfordern. "Gute Nachrichten für das Ökosystem", findet Hoshizaki, aber manche Menschen fühlen sich in ihrer Heimat bedrängt. Hoshizaki sagt: "Wir befinden uns in einem Krieg zwischen Mensch und Bär um diese Gebiete."

"Bären sind sehr scheu"

Man forsche noch an den Gründen für die Entwicklung. "Aber wir fangen an zu glauben, dass es etwas mit der Schwächung des ländlichen Raumes und dem Dörfersterben zu tun hat." Das Leben in Akitas Bergen war schon immer hart, vor allem in den schneereichen Wintern. Aber durch den demografischen Wandel wird es noch schwieriger, Schulen schließen, viele ziehen weg. Zurück bleiben wenige, meistens alte Leute und eine üppige Kulturlandschaft aus Feldern und Kastanienplantagen, die sich vor den Bären ausbreitet wie ein gedeckter Tisch. Als in den Dörfern noch viele Menschen lebten, trauten sie sich nicht dorthin. Jetzt schon. Das Angebot lockt, die Bären verlieren die Scheu. "Für die Leute, die bleiben, ist das schwierig", sagt Kazuhiko Hoshizaki. Einige von ihnen versuchen, ihr Grundstück mit Elektrozäunen zu sichern, und hoffen auf Hilfe von der Präfekturverwaltung. Aber die Zäune seien kein echtes Hindernis für Bären, sagt Hoshizaki, und die Präfektur habe immer weniger Geld für die teure Bärenabwehr.

Der Mensch und der Bär - das ist ein seltsames Verhältnis. Einerseits lieben Menschen die Gemütsruhe der Bären, ihre Fähigkeit zum aufrechten Gang, ihre ausdrucksstarken Pelzgesichter. Andererseits fürchten sie auch ihre Kraft und Größe. "In Japan gibt es zwei Arten von Bären", sagt Hoshizaki. Braunbären, die auf der Nordinsel Hokkaido vorkommen. Und den Asiatischen Schwarzbären oder Kragenbären, der kleiner ist und in vielen Gegenden Japans eher bedroht als übergriffig ist.

In Akita geht es um den Schwarzbären, dessen Männchen bis zu 1,80 Meter groß und 150 Kilo schwer werden. Hoshizaki möchte den Eindruck vermeiden, die Bären von Akita seien grundsätzlich eine Gefahr. "Bären sind sehr scheu. Wenn man durch den Wald geht und sich bemerkbar macht, dann kommen sie nicht raus." Zehn bis 20 Unfälle gebe es in Akita jedes Jahr, weil Menschen Bären zu nahe kommen. "Todesfälle gibt es vier bis sechs in zehn Jahren." Menschliche Todesfälle wohlgemerkt. Für Bären enden die Begegnungen häufiger tödlich. Hoshizaki zeigt eine Statistik, wonach Präfektur beziehungsweise Kommunen in den vergangenen zwei Jahren 1200 Abschüsse genehmigt haben, weil Bären eine Gefahr für Menschen seien. "Für Europäer ist das vielleicht schwer zu verstehen."

Mehr als 500 Jahre lang gab es keine Berichte von Wildschweinen in Akita

Tierschutz ist in Europa in der Tat strenger. Die Menschen in Asien beanspruchen die Natur noch konsequenter, und weil der Bär eben ein Tier ist, gilt er für viele hier als unberechenbar. Zum Beispiel in Yokote, wo der Bergwald auch eine touristische Attraktion ist. Schilder am Park warnen vor den Bären, die Stadt hat das Unterholz lichten lassen, damit sie sich nicht so leicht verstecken können. Die Bären sind Gesprächsthema, die Lokalzeitung greift praktisch jeden Augenzeugenbericht auf. Allerdings lehnt Yokotes Stadtverwaltung ein Gespräch über die Bären ab. Die Präfektur-Behörden hätten bei dem Thema das letzte Wort. Immerhin schreibt sie: "Die Koexistenz von Wildtieren und Menschen ist für uns eine Zukunftsaufgabe."

Kazuhiko Hoshizaki ist schon oft Bären begegnet. Er hatte sogar schon mal einen im Garten, zumindest hat er Spuren und Kot gesehen, die darauf hindeuteten. Er hat Respekt vor Bären, keine Angst. Größere Sorgen bereitet ihm ein anderes Tier. Mehr als 500 Jahre lang gab es keine Berichte von Wildschweinen in Akita, aber seit fünf Jahren sind sie im Wald und aus Hoshizakis Sicht nicht nur eine Bedrohung für die Felder der Bauern. Denn: "Im Gegensatz zu den Bären", sagt er, "sind die Wildschweine aggressiv."

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SZ vom 05.09.2019
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