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Japan:Das Land des Schirm-Sharing

A woman using an umbrella struggles against a heavy rain and wind caused by Typhoon Faxai in Tokyo

Die Japaner haben Probleme mit Schirmen.

(Foto: REUTERS)

Die Geschichte von Regenschirmen erzählt viel davon, wie Japans Gesellschaft zwischen Weitsicht und Maßlosigkeit schwankt.

Der Dienstag war in Tokio auch wieder einer dieser Schirmtage. Es regnete zwar nicht in Japans Hauptstadt. Aber die Sonne schien mit ordentlicher Kraft, und weil viele Leute, vor allem viele Frauen, sich bei ihren Gängen nicht den Strahlen aussetzen wollten, hatten sie ihre Schirme aufgespannt. Sie trugen ihre persönliche kleine Schattenquelle mit großer Eleganz. Es wirkte fast, als wollten sie keinen Grund auslassen, um ihren Auftritt um die Schönheit eines geöffneten Schirmes zu bereichern. Schirme sind wichtig in Japan. So wichtig sogar, dass man sie lieber teilt, als achtlos wegwirft. Japan ist das Land des Schirm-Sharing.

Die Geschichte von den Schirmen erzählt viel davon, wie Japans Gesellschaft stetig zwischen Weitsicht und Maßlosigkeit schwankt, Probleme löst, dadurch neue Probleme schafft und diese dann wieder löst. Schirme sind die Lösung gegen Sonne und Regen. Die allgegenwärtigen 24-Stunden-Märkte, Konbini genannt, haben deshalb welche aus billigem Plastik im Angebot, damit immer jeder schnell einen kaufen kann. Aber auf billige Schirme passt kaum einer auf, sie bleiben liegen und vermüllen die Stadt. Die Lösung? Besagtes Schirm-Sharing.

Mit dem Wetter in Japan ist nicht zu spaßen

Japanerinnen und Japaner greifen vielleicht auch deshalb so gerne zum Schirm, weil der Schirm ihnen das Gefühl gibt, etwas ausrichten zu können gegen die Kräfte der Natur. Mit dem Wetter in Japan ist nicht zu spaßen. Die geografische Lage des Landes hat es schon immer schweren Stürmen und Erdbeben ausgesetzt. Der Klimawandel verstärkt die Katastrophengefahr noch. In diesem Jahr gab es schon 15 schwere Stürme. Der jüngste Taifun traf die Präfektur Chiba am vorvergangenen Wochenende so stark, dass an diesem Montag immer noch 73 600 Haushalte ohne Strom waren. Bei solchem Wetter hilft kein Schirm mehr. Wenn man mit Schirm rausgehen kann, wissen alle, dass im Grunde alles in Ordnung ist.

Aber das Problem der liegen gebliebenen Plastikregenschirme war irgendwann nicht mehr in Ordnung. 547 Yen (4,60 Euro) kostet bei einer Konbini-Kette ein durchsichtiger Regenschirm, 739 Yen (6,20 Euro) die blickdichte Variante - vor allem die verschiedenen Bahnbetreiber beklagten, dass die Massenware in den Zügen zurückbleibe. Mittlerweile sorgen zwei Firmen mit ihrer Schirm-Sharing-Idee für Abhilfe: ein Start-up namens i-kasa ("kasa" heißt auf Japanisch Regenschirm) und der Getränkevertrieb DyDo. Bei i-kasa kann man via App nach dem nächsten Schirmständer des Unternehmens suchen und dort mit dem Handy per QR-Code einen Schirm buchen. Mietgebühr für einen Tag: 70 Yen.

Mittlerweile gibt es 540 Automaten mit Schirmverleih in 18 Präfekturen

DyDo unterhält den älteren Schirm-Sharing-Betrieb. 2015 startete ein Versuch in Osaka, zunächst mit einer Mischung aus Secondhand- und neuen Schirmen. Die Firma hatte einen guten Draht zu den Bahnbetreibern, weil sie Getränkeautomaten an vielen Bahnhöfen hat. Sie kannte also das Problem der Schirme in den Zügen, und bald begann eine fruchtbare Zusammenarbeit. Die Bahnbetreiber können heute die liegen gelassenen Schirme abgeben, DyDo bereitet sie auf und übergibt sie dem Kreislauf der Wiederverwendung. Motoki Tada, PR-Leiter von DyDo, sagt in der Zeitschrift Toyo-Keizei: "Wegen des Erfolgs haben wir das Gebiet erweitert."

Mittlerweile gibt es 540 Automaten mit Schirmverleih in 18 Präfekturen. Die Aktion ist ein bewährter Service für Schirmträger, ein Beitrag gegen die Ohnmacht vor der Natur. Und ein Marketing-Erfolg für den Getränkevertrieb. Erfolgreiches Marketing ist auch eine Tradition in Japan.

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