Kirschblüten in Japan:Schönheit und Trauer

Lesezeit: 3 min

Kirschblüten in Japan: Poetisches Flair: Eine Besucherin macht ein Foto unter einem Schauer von Kirschblüten an einem Shintō-Schrein in Tokio.

Poetisches Flair: Eine Besucherin macht ein Foto unter einem Schauer von Kirschblüten an einem Shintō-Schrein in Tokio.

(Foto: Shuji Kajiyama/dpa)

Alkohol in der Thermoskanne, ein bisschen weniger Abstand und zaghafte Selfies: Das japanische Kirschblütenfest sucht nach zwei Jahren Pandemie nach alter Fröhlichkeit.

Von Thomas Hahn, Tokio

Yuki Hayakawa fällt auf in der Masse der Kirschblüten-Betrachterinnen. Und zwar nicht nur, weil die 37-jährige Angestellte bei ihrem Spaziergang am Fluss Sumida in Tokio eine Maske in Zartrosa trägt, in Kirschblütenfarbe also. Sondern weil sie die Blüten mit einer richtigen Kamera fotografiert, nicht mit dem Smartphone wie die meisten anderen. "Das ist mein erstes Hanami mit der Kamera", sagt sie. "Fotografieren ist ein neues Hobby, das ich auch allein machen kann." Ein Zugeständnis also an die Abstandsgebote der Pandemie, die auch dieses Jahr die Kirschblütenfeste in Japan prägen.

Hanami ist immer noch nicht wieder das, was es mal war. Denn die Sakura, die Kirschblüte, zu betrachten, ist ja nur eine Seite der japanischen Frühlingsfeier. Die andere hat mit Geselligkeit zu tun, mit Essen und Alkohol. Vor der Pandemie war Hanami immer auch ein Picknick der Massen, bei dem sich die anerzogene japanische Zurückhaltung in bierselige Lebensfreude verwandelte. Freunde zogen aus, um unter den Kirschbäumen zu feiern. Firmenabteilungen schickten schon mittags junge Kollegen in die Parks, um Plätze für den Abend zu reservieren. Auch Yuki Hayakawa mochte das. Auf ihrem Smartphone zeigt sie ein Bild mit Freunden am Sumida. Hanami 2019. Selige Erinnerung.

Überall Verbotsschilder

Dieses Jahr hängen wieder die Verbotsschilder an den beliebtesten Kirschbaum-Alleen Tokios, zum Beispiel an den Ufern des Sumida oder im Ueno-Park. Sicherheitskräfte sind unterwegs, um die wenigen Partys, die es doch gibt, aufzulösen. "Das ist eine Bitte", betont ein Parkwächter des Bezirks Taito. Auch beim Text auf dem Schild am Eingang des Ueno-Parks hat sich die Verwaltung bemüht, nicht zu autoritär zu wirken. "Wir bitten Sie ... von Partys mit alkoholischen Getränken ... abzusehen." Hanami-Picknicks zu verbieten, ist ein bisschen so, als verleugne man ein Stück der japanischen Identität. Das tut man nicht gern.

Kirschblüten in Japan: Ein Kanufahrer fährt auf dem Meguro-Fluss durch auf dem Wasser schwimmende Kirschblüten.

Ein Kanufahrer fährt auf dem Meguro-Fluss durch auf dem Wasser schwimmende Kirschblüten.

(Foto: Zhang Xiaoyu/dpa)

Aber die meisten Menschen in Japan folgen. Das haben sie ja immer getan in der Pandemie. Gerade zu Hanami-Zeiten. Yuki Hayakawa ist ein gutes Beispiel. "2020 war ich gar nicht draußen", erzählt sie, damals war die Angst vor Covid-19 noch frisch. 2021, als kaum jemand geimpft war und der Notstand galt, ging sie zu den Bäumen, sie machte sogar ein Picknick. Aber nur ein kleines mit einer Freundin und deren Kind in einem Park in Chiba. Und dieses Jahr ist sie mit ihrer neuen Kamera unterwegs. Impfschutz und die weniger aggressive Mutante Omikron haben dem Coronavirus den Schrecken genommen. Der Notstand ist weg, nur die Vorsicht ist noch da. "Die Regeln sind fast die gleichen wie 2021", sagt Yuki Hayakawa. Aber sie sieht mehr Leute, die nah an den Blüten stehen, um Fotos und Selfies zu machen. "Die Stimmung ist etwas lockerer."

Kirschblüten in Japan: Yuki Hayakawa gefällt Hanami auch ohne Party.

Yuki Hayakawa gefällt Hanami auch ohne Party.

(Foto: Thomas Hahn)

Im Ueno-Park regeln Schilder und Absperrungen den Hanami-Verkehr. Unter den Kirschbäumen führt eine Bahn aus dem Park heraus, eine in den Park hinein. Eine Massenwanderung ist unterwegs. Am großen Brunnen vor dem Nationalmuseum haben sich viele Leute niedergelassen, pausieren darf man ja. Aber auf einer der Steinstufen bei den Fontänen hat eine Gruppe aus drei Frauen und drei Männern tatsächlich eine Plane ausgebreitet und Essen mitgebracht. Picknick in der Pandemie. Unerhört.

"Zwei Mal" habe sie der Parkwächter schon ermahnt, sagen sie. Vor der Pandemie waren sie immer unter den Bäumen, der Platz am Brunnen ist der Kompromiss. Und den Alkohol haben sie in der Thermoskanne, damit ihn niemand sieht. "Aus Rücksicht." Sie wirken entspannt. Ihr Widerstand ist eher höflich.

Yuki Hayakawa mag Hanami auch ohne Party. Vor allem die späte Phase. "Kirschblüten sind wie Schnee. Wenn sie fallen, ergibt das so eine poetische Stimmung." Sie hofft trotzdem, dass es nächstes Jahr noch lockerer wird. Ihr neues Hobby mit der Kamera heißt nicht, dass sie nicht wieder mit den anderen trinken will.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungEnde der Corona-Maßnahmen
:Es ist an der Zeit, dass jeder das Risiko selbst einschätzt

Katapultiert in eine ungewohnte Freiheit: Von nun an müssen die Bürger selbst entscheiden, wie sie sich gegen Corona schützen. Doch Deutschland handelt richtig, wenn es jetzt eine neue Phase der Pandemie einläutet.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB