Süddeutsche Zeitung

Japan: fünf Jahre nach Katastrophen:So sieht es heute rund um Fukushima aus

Lesezeit: 3 min

Vor fünf Jahren löste ein Tsunami die schwerste Nuklearkatastrophe seit Tschernobyl aus. Was sich seit der Flutwelle verändert hat - ein interaktiver Vergleich.

Von Violetta Simon

Am 11. März 2011 verwüsteten ein Erdbeben und ein gewaltiger Tsunami den Nordosten Japans, im Atomkraftwerk Fukushima I (-Daiichi) kam es zur Kernschmelze. Es war die schwerste Atomkatastrophe seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986. Etwa 19 000 Menschen kamen in Japan durch den Tsunami ums Leben oder gelten noch immer als vermisst. Heute, fünf Jahre nach der Nuklearkatastrophe, fällt die Bilanz ernüchternd aus, der Wiederaufbau in der Region kommt nur langsam voran. Was sich inzwischen verändert hat - und wie weit die Menschen von einem normalen Leben entfernt sind, zeigen diese Aufnahmen.

Klicken Sie auf das Bild, um den interaktiven Vergleich zwischen dem Zustand nach der Katastrophe und heute zu starten

Die Luftaufnahme zeigt den Fischerort Ofunato, der etwa 180 Kilometer nordöstlich von Fukushima an der Ostküste Japans liegt. Die Auswirkungen des Erdbebens waren enorm: Eine 23,6 Meter hohe Tsunamiwelle traf auf die Stadt und flutete eine Fläche von etwa acht Quadratkilometern. Die für die Küste typische Struktur aus einschneidenden Buchten und ansteigendem Bergland verstärkte die Kraft des Tsunamis noch: Etwa 3600 Häuser wurden vollständig oder teilweise zerstört.

Noch bis vor zwei Jahren türmten sich in Ofunato Berge von Schutt und Trümmern. Inzwischen sind die meisten Aufräumarbeiten abgeschlossen, der Aufbau kann beginnen. Auch wenn die Menschen in der Region von einem Leben in der Normalität noch weit entfernt sind: Einige der Straßen sind wieder befahrbar.

Minamisoma

Anders sieht es in Minamisoma aus, das sich nur 25 Kilometer nördlich von Fukushima I befindet. Ungefähr 1800 Häuser wurden zerstört. In dem Ort wurde erhöhte radioaktive Strahlung gemessen - etwa ein Viertel des Gebiets ist nach wie vor unbewohnbar. Tausende flohen nach der Nuklearkatastrophe, manche aber sind geblieben - freiwillig. Weil sie nicht wissen, wo sie hin sollen.

Die Regierung wirbt dafür, dass die Bewohner zurückkehren, bemüht sich vor allem um junge Familien. Doch noch immer ist die Strahlung gefährlich hoch. Eigentlich dürfte niemand hier leben. Ob die Stadt jemals wieder vollständig bewohnt wird, ist noch ungewiss.

Natori

Es ist nicht viel übriggeblieben von Natori, nachdem der Tsunami über die Stadt hinweggerollt ist. Sämtliche Häuser an der Küste wurden überschwemmt und zerstört. Der Rest der Stadt, die 90 Kilometer nördlich von Fukushima liegt, versank in Schlamm und Chaos. Von der anfänglichen Aufbruchstimmung im Land ist wenig geblieben. Viele Bürger im Nordosten fühlen sich vom Rest des Landes vergessen: Noch immer leben insgesamt um die 90 000 Menschen, die damals aus der Sperrzone flüchteten, in Behelfsunterkünften.

Die Regierung von Premier Shinzo Abe bemüht sich, das Umfeld des AKWs Fukushima I so weit zu dekontaminieren, dass sie die Evakuierungsbefehle aufheben kann. Dann, so die Hoffnung, muss sie die Flüchtlinge nicht mehr entschädigen.

Ishinomaki

Mit am stärksten traf es die Stadt Ishinomaki: Im Mai 2011 wurden 2964 Tote gezählt, 2770 Menschen galten als vermisst. 28 000 Gebäude waren vollständig zerstört, knapp 17 000 Bewohner wurden in Sicherheit gebracht.

Viele Japaner erhofften sich von der Katastrophe einen gesellschaftlichen und politischen Wandel - die Chance, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen und im Zuge des Wiederaufbaus demografische, soziale, ökologische und wirtschaftliche Strukturprobleme zu lösen, die schon lange vor der Katastrophe existierten. Doch Japans Ministerpräsident Abe will auch künftig an der Nuklearenergie festhalten. Einige Reaktoren sind aktuell wieder in Betrieb, nun sollen die Menschen in die kontaminierten Regionen zurückkehren.

Kesennuma

Die Stadt an der Ostküste der Präfektur Miyagi - 170 Kilometer nördlich von Fukushima I - wurde besonders schwer von der zerstörerischen Flutwelle getroffen und war lange Zeit eine einzige Trümmerlandschaft.

Obwohl der Staat umfangreiche Mittel bereitstellte und Tausende freiwillige Helfer und Experten aus dem ganzen Land unermüdlich in der Krisenregion arbeiteten, verläuft der Wiederaufbau schleppender als erwartet.

Am Wiederaufbau der Atomruine von Fukushima I arbeiten täglich 7000 Menschen. Inzwischen spricht niemand mehr von 40 Jahren, nach denen die Nuklearkatastrophe von Fukushima bewältigt sein wird, Schätzungen belaufen sich mittlerweile auf 70 Jahre. Die Bergung der drei geschmolzenen Reaktorkerne soll kommendes Jahr beginnen, allerdings gibt es dafür noch kein Konzept. Und in den Tanks haben sich bereits 700 000 Tonnen verstrahltes Grundwasser angesammelt. Eine Sprecherin der Anti-Atomkraft-Bewegung "Sayonara Nukes Berlin" kritisierte das Vorgehen: "Leider müssen wir feststellen, dass die japanische Regierung daraus nichts gelernt hat."

Die Katastrophe ist noch lange nicht überwunden.

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