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Coronakrise:Shinzo Abe allein zu Haus

Shinzo Abe

Shinzo Abe sucht seit Wochen den richtigen Ton in der Corona-Krise.

(Foto: AP/AP)

Mit einem Twitter-Video wollte der japanische Premierminister seine Landsleute davon überzeugen, daheimzubleiben. Aber sein Corona-Durchhalteappell ging nach hinten los.

Von Thomas Hahn, Tokio

Von der japanischen Regierung kam bald der Hinweis, dass der jüngste Appell des Premierministers Shinzo Abe zum Daheimbleiben in der Coronavirus-Krise durchaus auch positive Reaktionen hervorgerufen habe. Aber wenn man das zu einem Twitter-Video eigens dazusagen muss, ist eigentlich schon klar, dass die Aussendung kein durchschlagender Erfolg war. Im Netz war der Ärger über den rechtskonservativen Regierungschef und seine blutleere Selbstinszenierung jedenfalls groß. Tenor: Was fällt dem hohen Herrn ein, so gemütlich rumzusitzen, während alle anderen im Land Angst um die Zukunft haben?

Shinzo Abe produzierte sein Heimvideo zum charmanten Durchhalte-Lied des Sängers Gen Hoshino, das den Titel "Daheim tanzen" trägt. Zu sehen ist der Premierminister in Tennissocken und legerer Kleidung beim krampfhaften Versuch, entspannt zu wirken. Hoshino singt: "Lasst uns zu Hause Spaß haben." Abe hält mühsam seinen Schoßhund fest. Trinkt Kaffee. Schaut ins Leere. Liest. Zappt mit der Fernbedienung durchs TV-Programm. Demonstrative Tatenlosigkeit, talentfrei gespielt.

Politiker und Politikerinnen spielen eine bedeutende Rolle in der Pandemie. Zum einen weil sie nach den Empfehlungen der Wissenschaft klare Entscheidungen treffen müssen, die alle im Land verstehen. Zum anderen weil sie anschließend ausstrahlen müssen, dass sie die Härten dieser Entscheidungen auch selbst aushalten.

Es geht um Glaubwürdigkeit

Symbolisches Maskentragen ist dabei wenig hilfreich, schon gar nicht, wenn die Maske falsch sitzt wie neulich beim NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi inszenierte ihre strenge Erinnerung an die Ausgangssperre für ihre Bürgerinnen und Bürger im leeren Parco della Caffarella - das war unpassend. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ärgerte sich nach ihrer ersten Fernsehansprache zum aktuellen Abstandsgebot nicht ohne Grund darüber, dass es in einem Fernsehbeitrag davor so gewirkt hatte, als stecke sie mit Kabinettsmitgliedern die Köpfe zusammen.

Es geht um Glaubwürdigkeit. Um kluges Regieren in schwierigen Zeiten. Und es geht um das Signal, dass in der Krise wirklich für alle die gleichen Regeln gelten.

Der japanische Regierungschef Shinzo Abe tastet schon seit Wochen nach dem richtigen Ton in der Coronavirus-Krise. Erst war von ihm gar nichts zu hören. Dann ließ er urplötzlich sämtliche Schulen im Land schließen, wandte sich mal mit donnerndem Pathos an die Nation, mal mit süßlicher Freundlichkeit. Als die Fallzahlen stiegen, zögerte er lange, ehe er sich doch zur Notstandserklärung durchringen konnte - und prompt musste er sich von Tokios Gouverneurin Yuriko Koike sagen lassen, dass seine Regierung zu lasch sei im Kampf gegen die Covid-19-Ausbreitung.

Mit seinem Video wollte Abe nun dazu beitragen, dass die Leute dem Prinzip der Selbstdisziplin folgen und nicht die ganze Zeit durch die Stadt pendeln. Der kurze Film ist allerdings vor allem das Porträt eines steifen Herren, der gar nicht so genau weiß, was man zu Hause machen soll. Wenn Shinzo Abe seine Alleinzeit wirklich so verbringt, liegen lange Wochen vor ihm. Außerdem: Wer will sich von einem Regierungschef durch die Pandemie leiten lassen, der nicht einmal weiß, welche Fernsehsendung er sehen will?

© SZ/moge/lot

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