Süddeutsche Zeitung

Japan: Atomruine Fukushima:Tepco öffnet Türen von Reaktor 1

Spezielle Filter im havarierten Atomkraftwerk Fukushima haben die Radioaktivität in Block 1 weit genug gesenkt, um Arbeiter in den Meiler zu lassen. Die schlechte Nachricht ist: Aus dem Kraftwerk Tsuruga an der Westküste entweicht erneut Radioaktivität.

Im havarierten Atomkraftwerk Fukushima-1 sind die Türen von Block 1 geöffnet worden. Kraftwerksbetreiber Tepco will erstmals Arbeiter in den schwerbeschädigten Block schicken, um ein neues Kühlsystem aufzubauen. Die japanische Regierung gab grünes Licht für die Aktion.

Die Radioaktivität in dem Gebäude sei dank der am Donnerstag installierten Luftfilterung ausreichend gesunken, berichtete Tepco. Der Kraftwerksbetreiber öffnete am Abend die Doppeltüren zwischen dem Reaktorgebäude und einem angrenzenden Turbinenhaus, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Noch in der Nacht zu Montag sollten Arbeiter hineingehen, um die Strahlung dort zu messen.

Ein Sprecher des Betreibers sagte, an den Turbinengebäuden würden spezielle Zelte errichtet, um Arbeitern den Zugang zu ermöglichen. Zudem solle in den kommenden Tagen die Radioaktivität in der Luft von Reaktorblock 1 durch Ventilatoren und Filter auf ein Zwanzigstel des jetzigen Wertes gesenkt werden, um längere Arbeitszeiten in der Atomruine zu ermöglichen.

Am Donnerstag hatten Arbeiter Belüftungsrohre mit einem Filtersystem verbunden, um radioaktive Substanzen aus dem Reaktorgebäude zu filtern. Messungen der Radioaktivität in der Luft aus dem Gebäude hatten Tepco zu der Entscheidung veranlasst, die Türen nun zu öffnen. Es sei zwar möglich, dass durch die geöffneten Türen noch Radioaktivität in die Umgebung entweiche. Diese würde nach Überzeugung von Tepco jedoch nur auf dem Werksgelände eine geringe Erhöhung der Strahlendosis verursachen. Inzwischen wurden jedoch erneut erhöhte radioaktive Werte gemessen: bis zu 700 Millisievert pro Stunde. Der Grund für die erhöhte Strahlung war zunächst nicht bekannt.

AKW Tsuruga setzt Radioaktivität frei

Tepco hofft, die Reaktoren innerhalb von drei Monaten wieder zuverlässig kühlen zu können und in neun Monaten wieder die volle Kontrolle über die Anlage zu haben.

Erst jetzt wurde allerdings damit begonnen, die etwa 800 Arbeiter, die in dem havarierten Atomkraftwerk in Japan eingesetzt werden, regelmäßig medizinisch zu untersuchen, wie Kyodo unter Berufung auf den Betreiberkonzern berichtete. Als Grund für die späte Untersuchung wurde eine Anordnung des Gesundheitsministeriums genannt, in der Untersuchungen erst nach Ende der Krise verlangt wurden - wohl in der Erwartung, sie dauere nicht so lange.

Von den Hunderten Arbeitern, die seit dem Erdbeben und dem Tsunami am 11. März in der Atomruine zum Einsatz kamen, seien 30 einer Strahlendosis von mehr als 100 Millisievert ausgesetzt gewesen, hieß es. Die gesetzliche Höchstdosis für Menschen, die beruflich radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind, liegt in Deutschland bei 20 Millisievert pro Jahr und bei 400 Millisievert für das gesamte Leben.

AKW Hamaoka wird heruntergefahren

Am Atomkraftwerk Tsuruga in der Präfektur Fukui an der Westküste Japans wurde inzwischen ebenfalls Radioaktivität freigesetzt. Das Ausmaß sei jedoch sehr gering, zitierte Kyodo den Betreiber Japan Atomic Power (Japco). Im Reaktor 2 des Kraftwerks Tsuruga hatten vor einer Woche Substanzen im Kühlwasser auf defekte Brennelemente hingewiesen. Der Meiler wurde zeitweise heruntergefahren. Ein Mitarbeiter der japanischen Atomsicherheitsbehörde NISA hatte anschließend versichert: "Es gibt keine Auswirkungen auf die Umwelt." Warum nun doch radioaktive Substanzen in die Umgebung gelangten, war zunächst nicht bekannt.

Über die Zukunft des erdbebengefährdeten Atomkraftwerks Hamaoka, das Japans Regierung schnell stilllegen möchte, wird allerdings erst später entschieden. Der Betreiber Chubu Electric Power wolle Gespräche darüber wieder aufnehmen, berichtete Kyodo unter Berufung auf Konzernmitarbeiter. Das Kraftwerk liegt in der zentraljapanischen Präfektur Shizuoka nahe der 36.000-Einwohner-Stadt Omaezaki am Pazifik, nur 170 Kilometer südwestlich von Tokio. Ministerpräsident Naoto Kan hatte den Betreiber dazu aufgefordert, die Reaktoren 3 bis 5 der Anlage nicht weiter zu nutzen. Die Gefahr einer Katastrophe sei bei dem Kernkraftwerk zu groß. Die Reaktoren 1 und 2 hat der Konzern bereits stillgelegt. In Tokio protestierten Tausende Bürger gegen die Atomkraftnutzung.

Der Betreiber des Atomkraftwerks Hamaoka in Zentral-Japan in der Region Shizuoka fährt die Anlage herunter. Das hat das Unternehmen Chubu Electric Power entschieden. Japans Regierung hatte Druck auf den Betreiber ausgeübt, da das Atomkraftwerk über einer geologisch kritischen Erdplatte liegt und bei einem weiteren schweren Erdbeben gefährdet sein könnte.

Am Freitag hatte Japans Ministerpräsident Naoto Kan den Betreiber aufgefordert, das Atomkraftwerk abzuschalten, um einen weiteren Nuklearunfall bei einem neuen Erdbeben wie am 11. März zu vermeiden.

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