Jan Ullrich "Nicht vernehmungsfähig"

Für Jan Ullrich wird es eng. In den frühen Morgenstunden wurde er im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen vorläufig festgenommen.

(Foto: Ennio Leanza/dpa)
  • Jan Ullrich ist am Freitag in einem Nobelhotel in Frankfurt festgenommen worden.
  • Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung, zwischenzeitlich sogar wegen versuchten Totschlags. Ein Haftbefehl wurde aber nicht erlassen.
  • Bereits am Abend sollte der ehemalige Radprofi deswegen wieder freigelassen werden. Dabei kam es der Polizei zufolge zu einem Zwischenfall. Ullrich wurde daraufhin in eine Fachklinik eingewiesen.
Von René Hofmann

Vor ziemlich genau zwanzig Jahren gab es einen Tag, der einen Wendepunkt in der Karriere von Jan Ullrich markierte. Am 27. Juli 1998 wurde die 15. Etappe der Tour de France ausgetragen; diese führte über 189 Kilometer und endete im Skiort Les Deux Alpes. Das Wetter war lausig, es regnete und war kalt. Ullrich war der Vorjahressieger. Ullrich fuhr im Gelben Trikot.

Als sein Rivale Marco Pantani an einer Steigung zu einem Spurt ansetzte, blieb der große Favorit im Sattel sitzen und erhöhte die Trittfrequenz nicht. Ullrich ließ den Italiener davonziehen. Er musste. "Mein Zuckerspeicher war leer", hat Ullrich dazu später erklärt. Im Ziel, das er mit neun Minuten Rückstand erreichte, war Ullrich so kaputt, dass ihn die Betreuer auf dem Rad ins Hotel schieben mussten, dort legten sie ihn zwei Stunden in die Badewanne und fütterten ihn langsam. "Es war die schlimmste Etappe meines Lebens", sagte Ullrich später. Das Gelbe Trikot hat er bei der Tour de France danach nie mehr getragen.

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Dieser Freitag könnte für Jan Ullrich eine ähnliche Wegmarke bedeuten. In den frühen Morgenstunden wurde er im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen vorläufig festgenommen. Offiziell vermieden die Polizei und die Staatsanwaltschaft es zunächst, den Namen "Ullrich" zu transportieren. Aber aus dem, was sie mitteilten, ließ sich schnell rekonstruieren, dass die Meldung stimmen musste, welche die Bild-Zeitung verbreitet hatte: Der einstige Rad-Heroe war in einem noblen Hotel "mit einer bei ihm weilenden Escort-Dame in Streit geraten", so formulierte es die Polizei. Dabei soll er diese körperlich attackiert und so stark verletzt haben, dass die Frau medizinisch versorgt werden musste. Der Beschuldigte, teilte die Staatsanwaltschaft zum Ermittlungsstand mit, solle die Frau gewürgt haben, "bis ihr schwarz vor Augen wurde".

Zwischenzeitlich ermittelte die Mordkommission sogar wegen versuchten Totschlags. Hierfür aber ergab sich kein dringender Tatverdacht, "sodass aktuell kein Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gestellt wird", wie die Staatsanwaltschaft zunächst schriftlich mitteilte. Am Nachmittag trat Oberstaatsanwältin Nadja Niesen dann vor die Presse und ließ wissen, dass der Beschuldigte sich immer noch in Polizeigewahrsam befinde, bisher "nicht vernehmungsfähig sei" und "zur fraglichen Tatzeit unter massivem Alkohol- und Drogeneinfluss" gestanden habe. Die Voraussetzungen für eine Inhaftierung lägen allerdings nicht vor.

Am Ende kam er wieder frei. Nach seiner Freilassung kam es der Polizei zufolge jedoch zu einer weiteren Wendung. Ullrich soll sich geweigert haben, sich in die Klinik fahren zu lassen. Wie die Polizei der Süddeutschen Zeitung bestätige, hätten die Beamten deswegen entschieden, ihn in eine psychiatrische Einrichtung einzuweisen. Am Samstagnachmittag meldete die Bild-Zeitung, dass Ullrich die Einrichtung wieder verlassen habe. Weder die Polizei noch Ullrichs Anwalt bestätigten dies jedoch zunächst.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass eine gefährliche Körperverletzung begangen wurde, kann diese mit einer Haftstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren geahndet werden; Schuldunfähigkeit oder verminderte Schuldfähigkeit können strafmildernd wirken. Ullrich, über den schon einige negative Schlagzeilen geschrieben wurden, setzt damit einen neuen Tiefpunkt. Sein Anwalt äußerte sich zu den Vorwürfen am Freitag zunächst nicht. Eine Polizeisprecherin teilte am Nachmittag mit, Ullrich habe bei einer ersten Anhörung von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht.

Nach eigener Darstellung war Ullrich mit guten Vorsätzen nach Frankfurt aufgebrochen. Am Donnerstagabend war er dort von Mallorca aus angekommen, um in Deutschland eine - nicht näher definierte - Therapie zu starten. In einer Klinik war nach Angaben seines Anwalts bereits seit einiger Zeit ein Platz für Ullrich reserviert. "Das wird mein Neustart", hatte Ullrich vor seinem Abflug der Bild-Zeitung gesagt, die die jüngsten Eskapaden der einstigen Sportgröße zunächst publik gemacht und die Folgegeschichten dann umfassend dokumentiert hatte.

Mitgenommen von der Trennung von seiner Frau und den Kindern

Am Freitag vergangener Woche war Ullrich auf Mallorca vorübergehend festgenommen worden, nachdem er auf dem Grundstück seines Nachbarn Til Schweiger einen Streit angezettelt hatte. Das Gericht verhängte ein Annäherungsverbot: Näher als 50 Meter darf Ullrich Schweiger nicht mehr kommen. Nach dem Verdikt empfing Ullrich einen Reporter der Bild und räumte ein, Drogen konsumiert zu haben. Die Trennung von seiner Frau und die Distanz zu den gemeinsamen drei Söhnen habe ihn "sehr mitgenommen: Dadurch habe ich Sachen gemacht und genommen, die ich sehr bereue".

Jan Ullrich ist 44 Jahre alt. 1997 gewann er als bisher einziger Deutscher die Tour de France. Wie Boris Becker, der mit seinem Wimbledon-Sieg Tennis in Deutschland populär machte, ließ Ullrich den Radsport boomen. 1973 in Rostock geboren, galt er - wie Franziska van Almsick und Henry Maske - in der Nachwendezeit als besondere Sportfigur: im Osten geboren, in ganz Deutschland gefeiert. 2002 wurde Ullrich wegen der Einnahme von Amphetaminen für sechs Monate gesperrt, 2006 wegen Verbindungen zum Dopingarzt Eufemiano Fuentes von der Tour ausgeschlossen. Trotz aller Indizien hat Ullrich Doping nie eingeräumt. Sein Standpunkt blieb: "Ich habe niemanden betrogen."

Marco Pantani, der ihn damals abhängte, wurde zwischenzeitlich ebenfalls wegen Dopings gesperrt. 2004 starb er an einer Überdosis Kokain.

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