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Jackson-Prozess:Kleine Petzen statt großer Stars

In den USA tendiert das Interesse am Jackson-Prozess gegen null - nun ist sogar fraglich, ob Prominente wie Liz Taylor aussagen dürfen.

Die Enttäuschung war groß, als Richter Rodney Melville im Prozess gegen Michael Jackson am Donnerstag entschied, eine Zeugenaussage des prominenten Fernsehjournalisten Larry King sei irrelevant und deswegen nicht zugelassen.

Jackson am Freitag bei einem Gerichtstermin.

(Foto: Foto: AP)

King wäre nach dem ehemaligen Kinderstar Macaulay Culkin der zweite Zeuge gewesen, der es hätte schaffen können, alleine durch seinen Bekanntheitsgrad das Interesse der notorisch gelangweilten Geschworenen und der Öffentlichkeit wieder aufleben zu lassen, denn in Amerika geht das Interesse am Prozess gegen Michael Jackson derzeit gegen null.

Auch die Medien scheint die Frage, ob der Sänger wegen der Belästigung eines damals 12-jährigen krebskranken Jungen ins Gefängnis muss oder nicht, kaum noch zu beschäftigen.

Die Abendnachrichten der großen amerikanischen Fernsehsender berichten nicht mehr, seriöse Tageszeitungen begnügen sich mit kurzen Agenturmeldungen.

Zwar verkündete der Kabelsender Court TV, der rund um die Uhr über Gerichtsverhandlungen berichtet, er habe seine Einschaltquoten mit dem Jackson-Prozess um 146 Prozent gesteigert.

Konkret hat sich die Zuschauerzahl jedoch lediglich auf magere 416.000 erhöht. Selbst den zynischen Talkshowmoderatoren fällt nichts mehr ein. Oder wie es Jon Stewart in seiner "Daily Show" ausdrückte: "Wir haben schon länger nicht mehr über den Jacksonprozess geredet. Er geht derzeit ins siebte Jahr."

Erbärmlicher Höhepunkt der ausgehenden Woche waren die Aussagen von Michael Jacksons 12-jährigem Cousin und seiner 16-jährigen Cousine am Donnerstag, die den Kläger und seinen Bruder dabei erwischt hatten, wie sie Geld und Wein stahlen und zu Videos von nackten Frauen masturbierten.

Das ist nicht gerade die Sorte Drama, mit der sich eine ganze Nation fesseln lässt. Der große Unterschied zu den Sensationsprozessen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte ist, dass es im Fall Jackson keine gesellschaftlich relevanten Reizpunkte gibt.

Der Mordprozess gegen den schwarzen Footballstar O.J. Simpson hatte die amerikanische Gesellschaft auf die komplizierte Dynamik ihrer Rassenspannungen gestoßen.

Das Verfahren gegen Scott Peterson, der seine schwangere Frau an einem Weihnachtsabend auf offener See über Bord geworfen hatte, rührte zumindest an die finstersten Seiten des Ehelebens in den Wohlstandsghettos der Suburbia, immerhin ein klassisches Thema der Literatur, das von Philip Roth mit ähnlichem Genuss behandelt wurde wie von den Gerichtsreportern an Ort und Stelle.

Der Fall Jackson dagegen - schlüpfrig, eklig, unangenehm. Es gibt keine Sympathieträger. Dazu taugen die opportunistische Klägerfamilie und der rachsüchtige Staatsanwalt Tom Sneddon genauso wenig wie der selbstherrliche Verteidiger Thomas Mesereau oder der groteske Angeklagte.

Man will gar nicht so genau wissen, warum Michael Jackson mit Kindern im selben Zimmer übernachtet, warum er Minderjährigen Wein als "Jesussaft" in Pepsidosen serviert, und schon gar nicht, was kleine Jungs denn so tun, wenn sie zum ersten Mal alleine nackte Mädels auf Video anschauen.

Auch die Fragen am Montag, ob und warum sich die Mutter des Klägerjungen eine Ganzkörperenthaarung von Jackson bezahlen ließ, und welche Regionen dabei mit heißem Wachs behandelt wurden, lieferten keinen geeigneten Stoff für eine nationale Debatte.

Dabei hatte Jacksons Verteidigung sogar einen wichtigen Etappensieg verbuchen können, als sie Videoaufnahmen zeigte, die Jacksons Mitarbeiter während den Dreharbeiten zu jenem Dokumentarfilm der BBC machten, der den aktuellen Prozess auslöste, weil in einer Szene Jackson Hand in Hand mit seinem Kläger zu sehen war, während er sagte, es sei doch wunderschön, sein Bett mit einem Kind zu teilen.

In den Aufnahmen, die der Regisseur Martin Bashir damals nicht verarbeitete, erzählte Jackson von seiner lebenslangen Sehnsucht nach einer normalen Kindheit, seinem Wunsch mit Gleichaltrigen zu spielen oder einfach nichts zu tun, von seinem Bedürfnis, als Erwachsener nachzuholen, was er als Junge versäumte.

Für die Medien, aber auch für die Verteidigung könnte Richter Melvilles Entscheidung vom Donnerstag, dass prominente Zeugen wie Larry King keine relevanten Aussagen machen, ein schwerer Rückschlag sein.

Rund 250 Namen umfasste die Liste mit den zumeist prominenten Zeugen der Verteidigung. Elizabeth Taylor, Diana Ross, Chris Tucker und Stevie Wonder sollten aussagen.

Nun müssen sich Jury und Weltöffentlichkeit vielleicht damit begnügen, statt großer Stars nur kleine Petzen vorgeführt zu bekommen. Es gibt auch das Gerücht, dass die Verteidigung ihre Kreuzverhöre schon am Freitag beenden will.

Dabei ist der Wert prominenter Zeugen nicht zu unterschätzen. Zwar sind die Geschworenen von Gesetz wegen verpflichtet, sich nicht von der Prominenz eines Zeugen, Klägers oder Angeklagten blenden zu lassen.

Aber erstens ist das von Geschworenen aus einem trübseligen Provinznest kaum zu erwarten und zweitens verfügen Prominente durch ihr Leben in der Öffentlichkeit fast immer über die Fähigkeit, sich gewählt und selbstsicher auszudrücken.

Das aber würde nicht nur die Geschworenen überzeugen, sondern auch die Öffentlichkeit, denn abgesehen vom strafrechtlichen Prozess muss Jackson auch um den Rest seines Marktwertes als Popstar kämpfen.