Italien:Rom und der Fluch der Schönheit

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Touristen vor der Engelsburg in Rom. (Foto: AP)

So viele Touristen wie nie verstopfen die italienische Stadt und ihre Museen. Das wird jetzt allen zu viel. Venedig verlangt Eintritt – aber auch das hält die Reisenden nicht auf.

Von Marc Beise, Rom

Touristen sind immer die anderen, das ist mal klar, aber trotzdem nervt es selbst die Gäste und erst recht die Anwohner, wenn die Gassen verstopft sind, die Museen überfüllt, die Super-Sites ausgebucht – so wie das jetzt wieder in vielen Orten Italiens der Fall ist, erst recht natürlich in der Hauptstadt Rom. Größere Reisegruppen mit Fähnchen schwenkenden Guides werden zum Feindbild, insbesondere die Großgruppen, die für ein paar Stunden per Bus vom Kreuzfahrtschiff herübergebracht worden sind.

Für die Touristen ist es fast unmöglich geworden, eine der bekannten Sehenswürdigkeiten wie das Kolosseum spontan zu besuchen, eine Internetbuchung Monate im Voraus empfiehlt sich und große Sorgfalt, um nicht auf überhöhte Schwarzmarktpreise hereinzufallen. Aber selbst wenn man sich rechtzeitig einen Slot für beispielsweise die Vatikanischen Museen mit der Sixtinischen Kapelle und den anderen Herrlichkeiten gesichert hat, dann wird man zwar an den Hunderte Meter langen Schlangen vorbeigelotst, aber im Museum trotzdem im Stop-and-go-Modus an den Kunstwerken vorbeigeschubst.

Die Museumsmitarbeiter klagen gegen die Arbeitsbedingungen

Angesichts des noch nie dagewesenen Ansturms werden dort statt der zulässigen 24 000 täglich bis zu 30 000 Menschen durchgeschleust; eine Zumutung für alle, auch für das Museumspersonal. Das begehrt jetzt auf und hat kürzlich wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen eine Sammelklage gegen den Vatikan angekündigt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich zwar auf Papst Franziskus berufen, dem die Einhaltung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen gerne mal eine Erwähnung wert ist. Dass jedoch Abhilfe geschaffen wird, ist trotzdem unwahrscheinlich. Auch der Kirchenstaat will lieber Stellen kürzen als neues Personal einstellen. Er sitzt zwar auf einem ungeheuren Immobilienvermögen, ist aber in der Tageskasse notorisch klamm.

Ums Geld geht es auch in Venedig, das in diesem Jahr auf Probe und weltweit beachtet eine Eintrittsgebühr für Tagesgäste erhebt. Die bringt zwar dem Stadtsäckel nach ersten Auswertungen deutlich höhere Einnahmen als erwartet, aber das heißt im Umkehrschluss auch: Es kommen trotzdem immer mehr Touristen. Entsprechend heftig wird dort wie überall diskutiert, wie sich die Gemeinden gegen den Ansturm effektiv wehren können – und ob sie das überhaupt sollen. Denn es gibt auch nennenswerte Gruppen, die von den Touristen profitieren, vor allem die Gastronomie, die Souvenirverkäufer und die Eigentümer von Wohnungen in den Innenstädten. Längst sind Rom, Florenz und Venedig gefühlt zu Airbnb-Städten geworden, langjährige Bewohner erkennen ihr Haus und ihr Viertel nicht mehr und fliehen frustriert in entferntere Stadtteile.

In Rom blickt man mit Sorge erst recht auf das Jahr 2025. Bereits im Dezember 2024 beginnt das von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr. Jetzt schon hat Rom jährlich 35 Millionen Gäste, mehr als zehnmal so viel wie Einwohner. Demnächst könnten es dank der Pilger noch einmal 32 Millionen mehr werden. Eigentlich unvorstellbar.

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