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Italien:Tödliche Tiktok-Mutprobe

Mehr Schutz: Tiktok will für Jugendliche sicherer werden

Antonella hat bei einer Challenge auf Tiktok teilgenommen, deren Teilnehmer sich strangulieren, so lange es geht.

(Foto: Jens Kalaene/dpa-tmn)

In Palermo stirbt eine Zehnjährige, nachdem sie an einer gefährlichen Challenge auf Tiktok teilgenommen hat. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Von Oliver Meiler, Rom

Antonella war zehn Jahre alt und gesund, als ihr Herz aufhörte zu schlagen. In einem Badezimmer in Palermo. Ihren Eltern hatte sie gesagt, dass sie duschen wolle. Doch Antonella duschte nicht, sie nahm an einer dieser Mutproben teil, die es in sozialen Netzwerken gibt. Die meisten sind harmlos, doch manche eben auch sehr gefährlich. Ihre Schwester, ein Jahr jünger, wird später erzählen, sie habe schon gewusst, dass Antonella dieses Spiel spiele: Eine Challenge auf Tiktok, einer App, die vor allem bei Heranwachsenden sehr beliebt ist. Die Teilnehmer der Challenge strangulieren sich selbst, so lange es geht. Es gewinnt, wer es länger aushält.

Antonella hat sich hinter der Badezimmertüre mit einem Gürtel gewürgt, bis sie bewusstlos wurde und zu Boden fiel. Wie lange sie da lag, ist nicht klar. Ihre kleinste Schwester, fünf Jahre alt, fand sie reglos. Sie holte den Onkel, und der versuchte, das Mädchen wiederzubeleben, rief die Notfallnummer an, 118, für eine Ambulanz, doch da ging niemand ran. Und so fuhr er Antonella so schnell, wie es nur ging, zum "Ospedale dei bambini", dem Kinderkrankenhaus. Die Polizei stoppte ihn auf dem Weg, er war ja viel zu schnell unterwegs, da gingen noch einmal ein paar wertvolle Minuten verloren. In der Klinik versuchten Ärzte, das Mädchen zurückzuholen ins Leben. Nach einer halben Stunde schlug das Herz wieder, schwach nur. Die Hoffnung währte kurz, dann wurde der Hirntod festgestellt.

War Antonella allein, als sie sich filmte? Oder waren andere Teilnehmer live dabei?

Antonella war ein fröhliches Mädchen, erzählen Freunde und Nachbarn, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen im alten Stadtteil La Kalsa, der Vater Maurer, die Mutter Hausfrau. Die italienischen Zeitungen zeigen Fotos, wie sie das immer tun, wenn Schlimmes passiert ist. "Meine Tochter", sagt der Vater dort immer wieder, "meine Antonella stirbt wegen eines extremen Spiels auf Tiktok - wie kann ich das akzeptieren? Sagt es mir!" Die Eltern wussten ja, dass Antonella oft online war, auf Facebook soll sie drei Profile gehabt haben. Und auf Tiktok habe sie sich immer diese Tanzvideos anderer Mädchen ihres Alters angeschaut, manchmal habe sie auch selbst welche gedreht. Aber tödliche Mutproben?

Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo, sprach von einem "Schock" für seine ganze Stadt und ließ die Fahne am Rathaus auf Halbmast setzen. Die Staatsanwaltschaft hat zwei Ermittlungen eröffnet, geprüft wird der Straftatbestand "Anstiftung zum Suizid". Zunächst soll Antonellas Handy untersucht werden. War sie allein, als sie sich filmte? Oder waren andere Teilnehmer live dabei?

Die Ermittler wollen auch wissen, ob das Mädchen mehrmals so mit seinem Leben gespielt hatte, wie die Schwester es andeutete, ob es schon andere Male hätte tragisch enden können. Tiktok lässt ausrichten, es werde bei den Untersuchungen helfen. "Die Sicherheit unserer Community ist unsere absolute Priorität", heißt es in einer Mitteilung des chinesischen Netzwerks.

Die traurige Geschichte aus Palermo hat nun die alte Debatte darüber neu angefacht, ob sich Eltern, die der digitalen Welt eher fern sind, auch bewusst sind, was ihre Kinder so alles entdecken auf ihren Handys. Politiker und Kinderpsychologen fordern strengere Gesetze, um den Umgang der Jüngsten mit den sozialen Netzwerken besser zu regeln - wenn das zu Hause nicht sowieso passiert.

Hinweis: Tiktok-Nutzer können gefährliche Videos melden, indem sie "Teilen" und dann "Melden" antippen.

© SZ/afis
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