Die Geschichte, die seit Tagen durch die italienischen und internationalen Medien wabert, klingt erst mal so, als hätte jemand „Sister Act“ und „Don Camillo und Peppone“ miteinander verrührt. Auf der einen Seite kämpferische Nonnen, auf der anderen ein Bürgermeister, der ihnen vermeintlich den Strand wegnehmen will. Kirchliche Moral hier, weltliche Moral dort. Doch der Streit im ligurischen Spotorno hat nichts mit Glauben oder Religion zu tun. Er schwelt ganz ähnlich derzeit auch in zahlreichen anderen Küstenorten Italiens. Es geht ums Meer. Und damit ja um alles.
In Spotorno, 3800 Einwohner, fing der Wirbel damit an, dass sich Schwester Miranda in der Gemeindeversammlung zu Wort meldete. In dem Ort an der ligurischen Küste betreiben die Suore di Carità di Santa Maria nicht nur einen Kindergarten, sondern auch ein Strandbad, ein stabilmento balneare. Die Nonnen vermieten Sonnenschirme und Liegen, „Bagni Gino Garrone“ heißt die Einrichtung. Badegäste haben sie online als „sauber“ und „ruhig“ bewertet, nur stünden die Schirme ein wenig arg nah beieinander.
Italiens Küste ist voll von solchen privaten stabilmenti. An manchen Orten läuft man kilometerlang an Bretterzäunen entlang, ohne einen einzigen Blick aufs Meer werfen zu können. Es sind zu viele, finden manche Einheimische, finden zahlreiche Urlauber, findet auch das Regionalparlament Liguriens. Es hat beschlossen, dass mindestens 40 Prozent des Strandes kostenfrei zugänglich sein muss. Spiaggia libera also, wo man einfach sein Handtuch ausbreitet, oder spiaggia libera attrezzata, eine Mischform.
Italiens Rechte hat sich zur Beschützerin der Strandbadbetreiber erklärt
Spotorno hat derzeit 3,5 Prozent spiaggia libera und 15 Prozent spiaggia libera attrezzata, sagt Bürgermeister Mattia Fiorini. Es müssen somit einige Strandbäder weg. Er findet das absolut richtig. „Unsere Strände werden oft als Privateigentum verstanden, aber eigentlich sind sie das größte öffentliche Gut, das wir haben“, sagt er am Telefon.
Was die einen als Errungenschaft fürs Gemeinwohl feiern, ruft bei den anderen Protest hervor. In der Gemeindeversammlung waren zahlreiche Strandbadbetreiber anwesend, entsprechend ging es hoch her, ein Video davon ist noch online. Nach zweieinhalb Stunden fragte also Schwester Miranda, weit über achtzig: „Warum haben Sie unsere Lizenz gestrichen, Herr Bürgermeister?“ Schließlich betreiben die Nonnen nicht nur das Strandbad, sondern bieten in dem Abschnitt im Juli und August auch Ferienbetreuung für Kinder an.
Nur: Die Lizenz der Nonnen wurde nicht gestrichen, sie ist schlicht ausgelaufen. Die Nonnen sind damit auch nicht allein. Ganz Italien muss derzeit die Zulassungen für private Strandbetriebe transparent neu vergeben. Hintergrund ist die schon 2006 beschlossene Bolkestein-Richtlinie, benannt nach dem Ex-EU-Kommissar, Vorname Frits. Demnach dürfen Genehmigungen für die Nutzung knapper natürlicher Ressourcen – wie eben Strände – nicht automatisch dauerhaft beim gleichen Betreiber bleiben. Genau das ist aber bei den meisten Strandbädern Italiens der Fall. Die Betreiber, viele davon Familienunternehmen, sehen sich gegängelt. Längst ist die Diskussion politisch aufgeladen, Italiens Rechte hat sich zur Beschützerin der Strandbadbetreiber erklärt und die Umsetzung immer weiter hinausgeschoben.
Und die Nonnen? Werden zum Spielball in einem politischen Konflikt, so sieht das jedenfalls Spotornos Mitte-links-Bürgermeister. Schließlich stünden Kommunalwahlen an. Er jedenfalls sei jederzeit zum Gespräch bereit. Und: Man habe den Bereich der Schwestern bewusst nicht als reine spiaggia libera neu ausgeschrieben, sondern als spiaggia libera attrezzata. Die Hälfte kann also weiter ein Strandbetrieb mit Schirmen und Liegen bleiben. Die Nonnen müssten sich nur darum bewerben. Ob sie das vorhaben, ist offen, die Ordensgemeinschaft war nicht zu erreichen. Der Bürgermeister jedenfalls sagt, er hoffe darauf. Womöglich hätten die Nonnen mit ihrem sozialen Konzept gar keine schlechten Chancen.

