Sommerferien in Italien, das Leben verlagert sich an den Strand. Ein Urlaubsnachmittag am Meer, eine Familie aus Rom genießt im Badeort Montalto di Castro eine gute Autostunde nördlich der Hauptstadt Sonne und Wasser, der Vater döst vor sich hin, und neben ihm spielen die vier Kinder. Sie machen das, was seit Generationen so viele Kinder machen: Sie graben ein Loch in den Sand, so tief, wie sie selbst groß sind. Nach einer Weile verstreuen sich die Geschwister, nur ein Bruder bleibt zurück. Irgendwann fällt auf, dass er fehlt, der Älteste, 17 Jahre alt.
Der Junge hat sich nicht abgemeldet, niemand hat ihn fortgehen sehen. Langsam kommt Hektik auf, die Mutter läuft zum nahe gelegenen Campingplatz, womöglich sitzt der Teenager im Wohnmobil: Aber dort ist er auch nicht. Die Familie sucht den Strand ab, keine Spur. Plötzlich kommt dem Vater ein grauenvoller Verdacht, 40 Minuten ist das nun schon her, seitdem der Junge verschwunden ist. Mit bloßen Händen gräbt er da, wo die Kinder ihr Sandloch gebuddelt haben, zwei Bademeister helfen. Und tatsächlich finden sie unter dem Sand den Jungen. Er ist tot.
So hat der Vater die Geschehnisse mittlerweile erzählt, in den Zeitungen fanden sich zunächst auch abweichende Schilderungen, auch dass der Junge am Ende allein am Strand gewesen sei. Da er minderjährig war, hat die Polizei gegen den Vater ein Verfahren wegen der Möglichkeit fahrlässigen Totschlags eingeleitet, ein übliches Vorgehen, um die rechtlichen Voraussetzungen für weitere Ermittlungen zu haben, keine konkrete Beschuldigung.
Der Vater fragt sich: Warum hat der Junge nicht geschrien?
„Wir wollen einfach verstehen, was passiert ist“, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt: „Wenn ich den Vater treffe, werde ich als Erstes diesen Mann umarmen, der durch den Verlust seines Sohnes zutiefst erschüttert ist.“ Die Familie bleibe bis auf Weiteres in dem Ferienort, heißt es in italienischen Medien, die Eltern versuchen, dem Medienrummel auszuweichen und die deutlich jüngeren Geschwister vorsichtig mit dem tragischen Ereignis vertraut zu machen: ein 14-jähriges Mädchen und zwei Jungen, acht und fünf Jahre alt.
Er habe doch nur wenige Meter neben den spielenden Kindern gelegen, sagt der Vater, der nicht an einen Erstickungstod in dem Loch glauben will, nachdem der Sand einbrach. Der Junge hätte in diesem Fall doch geschrien und er ihn gehört, grübelt er. Wahrscheinlicher sei, dass er einen Hitzschlag erlitten habe oder Herzversagen und dann erst der Sand über ihn kam. Genaueres wird die Obduktion erweisen. Möglich ist auch, dass der Junge am Grund der Grube versucht hat, einen Quergang zu buddeln, und ihm dies zum Verhängnis wurde.
Was bei erstem Hörensagen wie ein extrem unwahrscheinlicher Unglücksfall wirkt, erweist sich bei weiterer Recherche als gar nicht so selten. Strandfreunde wissen über vergleichbare Fälle zu berichten, und in München erregte im vergangenen Sommer ein Bericht Aufsehen, wonach zwei Jungen aus dem Großraum beim Spielen am Nordseestrand von Nørre Vorupør im Norden Dänemarks tödlich verunglückt waren. Die beiden Kinder, neun und zwölf Jahre alt, hatten in die Dünen eine Höhle gegraben, die über ihnen einstürzte.
Die Haupstadtzeitung La Repubblica zitiert den Küstenforscher Stephen Leatherman von der Florida International University, der auf solche Vorfälle spezialisiert ist und in den Medien gelegentlich „Dr. Beach“ genannt wird. „Todesfälle durch Sand sind häufiger als Haiangriffe“, sagt der Wissenschaftler, der allein für die USA 31 Todesfälle binnen zehn Jahren zusammengetragen hat: alles Kinder. 21 Verschüttete konnten gerettet werden, etwa durch Herzdruckmassage, aber die Zeit ist knapp. Der Sand wirke beim Graben stabil, sagt Leatherman, aber sobald die Oberflächenschicht austrockne, gerate der Sand ins Rutschen: „Es dauert nur wenige Sekunden. Der Einsturz kommt plötzlich und das Gewicht des Sands verschließt jede Öffnung.“ Im Unterschied zu Schneelawinen bildeten sich auch keine Luftkammern: Dem Eingeschlossenen bleiben nur drei bis fünf Minuten. Der Tod kommt schnell.

