Italien:"So stürzt alles ein"

Italien: Der Viadotto Fausto Bisanti, im Volksmund "Ponte Morandi" genannt, ist die größte Bogenbrücke Italiens. Bei der jüngsten Sanierung wurde wohl minderwertiges Material verbaut.

Der Viadotto Fausto Bisanti, im Volksmund "Ponte Morandi" genannt, ist die größte Bogenbrücke Italiens. Bei der jüngsten Sanierung wurde wohl minderwertiges Material verbaut.

(Foto: Wiki Commons)

Wieder gerät eine Brücke des Bauingenieurs Riccardo Morandi in die Schlagzeilen. Der "Ponte Morandi" von Catanzaro soll von der kalabrischen Mafia renoviert worden sein - auf deren Art.

Von Oliver Meiler, Rom

In Italien gab es eine Zeit, da klang der Name Riccardo Morandi wie das Versprechen auf Moderne und Motorisierung. Ein stolzer Name war das, mit dem man auch im Ausland hausieren konnte. Morandi (1902 bis 1989) war ein römischer Bauingenieur von Weltruf, ein Avantgardist, seine Straßenbrücken revolutionierten den Verkehr. Nun aber fällt sein Name plötzlich im Zusammenhang mit großen und mittleren Katastrophen, für die er gar nichts kann. Nach seinem imposanten Werk in Genua, dem "Ponte Morandi" über den Fluss Polcevera, der im August 2018 wegen dramatisch mangelhafter Unterhaltsarbeiten eingestürzt war und 43 Menschen in den Tod gerissen hatte, ist nun auch der "Ponte Morandi" von Catanzaro in Kalabrien ins Gerede geraten, die größte Bogenbrücke Italiens: wegen skrupelloser, mafiöser Baufirmen und ihrer "Schweinerei" mit billigem Mörtel.

Die Brücke in Catanzaro heißt eigentlich Viadotto Fausto Bisanti, wie ein früherer Senator, der sich einst für sie starkgemacht hatte. Doch in Kalabrien hat sich der Name "Ponte Morandi" eingebürgert. Die Brücke wurde zum Symbolbau der Stadt: 112 Meter hoch, 468 Meter lang - sie verbindet in einem einzigen Bogen über eine Schlucht hinweg Catanzaro mit der SS280, die man auch "Strada Statale dei Due Mari" nennt, weil sie das Tyrrhenische mit dem Ionischen Meer verbindet. 1962 wurde die Brücke fertig, sie war damals eine Sensation. Vor der Einweihung hatte man sie mit schweren Lasten beladen, damit sich das Volk ihrer Tragfähigkeit versichern konnte. Es kamen Tausende Schaulustige.

2017 sollte sie mal wieder überholt werden, Zeit und Wetter hatten dem Beton zugesetzt. Der Auftrag ging an eine Baufirma aus der Gegend, die, wie man nun weiß, von zwei Unternehmern gegründet wurde, die im Hintergrund alles lenkten, aber nicht als Besitzer aufscheinen wollten. Die Firma Tank trugen sie unter dem Namen ihrer Sekretärin ein, weil ihre eigenen Namen schon in früheren Justizoperationen gegen die kalabrische Mafia aufgetaucht waren - und weil sie vorhatten, möglichst viel zu verdienen mit den Unterhaltsarbeiten an der Brücke. Egal, wie.

Abgehörte Telefonate

Was sie nicht wussten: Die Finanzpolizei hörte ihre Telefone ab und belauschte, wie sich die Männer miteinander und mit dem Baustellenleiter über die schlechte Qualität des Betonmörtels unterhielten. Das Material, sagten sie, sei eine "porcata", eine Schweinerei. "Wir haben für die ,Morandi' dieses Material gebraucht, so stürzt alles ein."

Die Staatsanwaltschaft von Catanzaro ließ die zwei Unternehmer und ihre Sekretärin jetzt verhaften. Vorgeworfen wird ihnen unter anderem Betrug, Korruption und Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation des Typs Mafia. Festgenommen wurde auch ein Inspektor der Guardia di Finanza, der die Bande über den Verlauf der Ermittlungen informiert hatte und dafür bezahlt wurde. Ein Ingenieur der Autobahngesellschaft und ein Vermesser sind vom Dienst suspendiert worden. Und die Brücke wurde beschlagnahmt, doch sie bleibt offen für den Verkehr. Die staatliche Betreiberfirma Anas beteuert, dass die Statik in Ordnung sei, alles solide, man könne die nötigen Korrekturarbeiten auch ohne Sperrung vornehmen. Und so rollt der Verkehr weiter über den Ponte Morandi von Catanzaro, nur dass die Fahrerinnen und Fahrer vielleicht nicht mehr ganz so gedankenlos sind wie davor.

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Latest work and finishing on the structure of the new bridge of Genoa San Giorgio Ex Ponte Morandi, which will be inaug

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